Transhumanismus und Bildungsarbeit - Gedanken zum letzten campusA Dozententreffen

Die Kindheit ist ein Vorbild für die Rückbesinnung des Erwachsenen auf das Wesentliche. In ihrer Bachelorarbeit hat sich Claire Holder von der Freien Hochschule mit diesem Thema beschäftigt und einen beeindruckenden Text dazu verfasst.

»Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein« –
heißt es in Matthäus 18,3 – »könnt ihr nicht in
die Reiche der Himmel kommen.« Werden wie
die Kinder – was bedeutet das für den Erwachsenen?
Welche Relevanz hat dieses Zitat aus
dem Neuen Testament für einen Entwicklungsweg
des modernen Menschen?
Um dieser Fragestellung auf den Grund zu
gehen, ist es notwendig, das kleine Kind und
seine Entwicklung in eine nähere Betrachtung
zu nehmen. Das Kind lebt völlig hingegeben
an seine Umwelt, es erlebt sich nicht getrennt
von der Welt, sondern eins mit ihr. »Die Reiche
der Himmel« sind für das Kind überall und in
jedem Geschöpf zu finden.
Dieser Zustand der tiefen Harmonie und des
Einklangs mit sich selbst und den Dingen ist für
den erwachsenen Menschen heute meist kaum
mehr greifbar und sehr fremd. Zwei Tendenzen
entwickeln sich aus dieser Ursache: Manche
Menschen verschließen sich deshalb dem Übersinnlichen
ganz, andere wiederum fliehen in
eine schwelgerische Verbindung mit dem Kosmos.
Beide Extreme verkörpern jedoch kein gesundes
Maß für einen erwachsenen Menschen.
Der Erwachsene befindet sich in einer völlig
anderen Ausgangslage als das kleine Kind. Was
dem Kind die Unbefangenheit und Hingabe an
die Welt ermöglicht, ist, dass es noch in einem
ganz besonderen Verhältnis zu der übersinnlichen
Welt steht. Während der Erwachsene
sich gewöhnlich auf seine sinnlichen Eindrücke
verlässt, ist das Kind noch stark mit der übersinnlichen,
geistigen Welt verbunden, aus der
es gerade erst den Weg auf die Erde genommen
hat. Dadurch stehen dem Kind besondere Kräfte
zur Verfügung, die dem Erwachsenen nicht
mehr so unmittelbar zugänglich sind.
In den ersten drei Jahren seines Lebens
lernt ein Kind drei wesentliche Dinge, die das
Mensch-Sein ausmachen: Es lernt im ersten
Lebensjahr zu gehen, im zweiten zu sprechen
und im Alter von drei Jahren erwacht das Denken.
Das erfordert zunächst einmal eine gewaltige
Arbeit und Veränderung des physischen
Leibes. Es ist aber nicht der Körper allein, der
diese Arbeit übernimmt. Es bedarf der Einwirkung
höherer Kräfte, sogenannter ätherischer
Bildekräfte, die unter dem Einfluss von hohen
geistigen Wesenheiten stehen. Ätherische Kräfte
kommen dann zum Wirken, wenn sich die
durch die Vererbung gegebene Gestalt des physischen
Körpers und seiner Organe in der Art
formen und ausgestalten, dass das Kind mit
seiner geistig-seelischen Individualität darin
einziehen kann. Es ist nichts weniger als der
willenshafte, individuelle Kern des Menschen,
das Ich, das schon in dieser frühen Phase der
kindlichen Entwicklung Einzug in den Körper
hält und ihn seiner Wesenheit gemäß gestaltet.
Das Ich ist unmittelbar angebunden an die geistige
Welt und setzt das Kind in einen direkten
Bezug mit dieser.
Erst im dritten Lebensjahr erlangt das Kind
ein Bewusstsein seiner selbst. Mit dem Moment
des ersten Ich-Sagens beginnen die gestaltbildenden
Ätherkräfte ins Bewusstsein einzugehen.
Die ätherischen Kräfte, die das Wachstum
ermöglichten, und durch welche wiederum die
Geistigkeit einwirken konnte, werden in Denk und
Vorstellungskräfte verwandelt. Das bedeutet
aber auch, dass sie nicht verloren gehen,
sondern jetzt in einer anderen, nämlich zunächst
gebundenen Form im Bewusstsein dem
Denken zur Verfügung stehen.
Indem das Kind unter direktem Einfluss der
geistigen Welt das Gehen, das Sprechen und
das Denken lernt, drückt sich darin noch eine
Reinheit und Unbefangenheit aus, wie sie nur
in den ersten Kindheitsjahren erlebbar ist. Indem
das Kind gehen lernt unter dem Einfluss
des Geistigen, richtet es sich auf und beginnt,
selbstständig im Leben zu stehen, sich seinen
Weg selbst zu wählen. Indem es sprechen lernt,
setzt es sich mit seiner Umgebung in ein Verhältnis.
Aus dem unmittelbaren Verbundensein
mit dem Geistigen sind seine Worte wahr. Und
indem es denken lernt, erarbeitet es sich ein
eigenständiges Leben im Denken, es lernt sein
Leben aus dem Ich heraus zu entfalten.
Das sind Qualitäten, die auch der erwachsene
Mensch für ein bewusstes, selbstbestimmtes
und gesundes Leben benötigt, aus dem heraus
er aufbauend und gesundend für die Welt
wirken kann. Der selbstbewusst gewordene
erwachsene Mensch bekommt sie aber nicht
geschenkt, er muss sie sich hart erarbeiten. Den
Bezug zur geistigen Welt kann er nur durch
eine bewusste Betätigung seines Bewusstseins
wiederherstellen, weil gerade darin die ätherischen
Kräfte gebunden liegen.
Die Seele als Organ des Bewusstseins gliedert
sich in Denken, Fühlen und Wollen. Diese drei
Elemente sind oft zu tief ineinander verstrickt
und können nicht unabhängig voneinander bestehen;
oder aber sie stehen nur für sich allein
und können nicht in einen sinnvollen Bezug
zueinander gebracht werden. Sie müssen aber
sowohl voneinander unabhängig sein als auch
durch das bewusste Ich (das Selbstbewusstsein)
zusammengehalten werden. Die Bildekräfte,
die beim kleinen Kind unter Anleitung
des Ich den Leib gestaltet und geformt haben
und dem Kind das Gehen-, Sprechen-, und
Denkenlernen ermöglichten, können beim Erwachsenen
– in ihrer verwandelten Form als
Bewusstseinskräfte – das Denken, Fühlen und
Wollen bewusst aktivieren und umwandeln.
Ätherkräfte können dadurch wieder frei fließen
und eine geistige Wahrnehmung ermöglichen.
Im Laufe der Beschäftigung mit diesem Thema
konnte ich immer mehr herausarbeiten,
dass die Umwandlung der drei Seelenqualitäten
genau eine Umstülpung bzw. eine Veredelung
derjenigen Fähigkeiten darstellt, die das Kind
in den ersten drei Lebensjahren lernt: des Denkens
(Denken), des Sprechens (Fühlen) und
des Gehens (Wollen). Durch das Zurückhalten
der Seelenkräfte, die im Alltag oft unbewusst
und unreflektiert dort hineinfließen, kann eine
Verwandlung möglich werden:
• Anstatt die Gedanken in einem wilden
Durcheinander durch den Kopf ziehen zu
lassen, kann man üben, die Seelenkraft des
Denkens in eine geordnete Vorstellungsbildung
zu bringen;
• anstatt zu viel Seelenkraft in das gewöhnliche
Sprechen und emotionale Kommunizieren
fließen zu lassen, kann man üben,
diese Kraft für die Entwicklung reiner
Empfindungen gegenüber der vorher aufgebauten
Vorstellung aufzuheben;
• anstatt sich ganz den unreflektierten, willkürlichen
Impulsen des Willens hinzugeben,
kann man sich so weit mit der Vorstellung
und Empfindung verbinden lernen,
dass sie ihren physischen Ausdruck in der
Umsetzung, der Tat finden können.
Dabei geht der Erwachsene den Weg gewissermaßen
genau umgekehrt wie das Kind, indem
er zunächst das Denken verwandelt, dann das
Fühlen und schließlich das Wollen.
So ordnen die bildenden Kräfte beim Erwachsenen
den Seelenleib, wie sie beim Kind
den physischen Leib geformt haben. Dadurch
werden Ätherkräfte in freier Form verfügbar,
weiten das astrale Bewusstsein und werden für
den erwachten Menschen wahrnehmbar. Er
entwickelt sich zu einem selbstbewussten und
eigenständigen Weltenbürger, der die erhellenden
und aufbauenden Kräfte für sich selbst
und die Welt wirksam machen kann und sich,
dem Kinde ähnlich, in einem größeren Zusammenhang
begreift.

Claire Holder, 24 Jahre alt, studiert Waldorfpädagogik
im Master an der Freien Hochschule
Stuttgart.

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