Die Individualität der Motivation

Ein Impuls von Marie Lenschow.

Was kann ich alleine schon großartig verändern? Wenn ich beginne, mich anders zu verhalten und meine Zigarettenkippen nicht mehr auf den Boden werfe, wird es immer noch Millionen von Menschen geben, die unbedacht damit weitermachen. Was hat es dann für einen Einfluss, wenn ich mein Verhalten ändere? Wenn ich anfange, umweltbewusst zu leben, mich bewusster zu ernähren oder meinen Plas­tikverbrauch zu reduzieren?

Ich schäme mich ein wenig dafür, wenn ich zugebe, dass ich lange Zeit wirklich so gedacht habe… Aber haben das nicht viele? Und tun das nicht immer noch zu viele? Für mich war es eine Ausrede, die mich mit Bitterkeit im Gefühl dazu trieb, so weiterzumachen wie zuvor, die aber auch in mir den Wunsch nach Veränderung wachsen ließ. Ich konnte mir nur nicht vorstellen, woher diese kommen sollte – wohl kaum aus dem Nichts. Inzwischen fällt es mir schwer, mich in dieses Lebensgefühl zurück­zuversetzen, denn nun stehe ich mit einer ganz anderen Haltung in der Welt. In diesem Artikel werde ich dir diese und meinen Weg dahin erklären. Aber zuerst, bevor ich dich in philosophischere Gebiete führe, möchte ich mit dir einige Eigenschaften der Natur näher betrachten. Genau dadurch fand ich nämlich aus meinen alten Ansichten und Zweifeln heraus – durch die einfache Erkenntnis, dass sich doch alles verzweigt, solange es wächst.

Betrachtet man das Blatt eines Baumes, so kann man lauter kleine Äderchen entdecken, von denen es durchzogen ist. Ähnlich wie der Baum, von dem es stammt, verzweigen sie sich bis zum Rand des Blattes. Diesen offensichtlichen Rand hat der Baum nicht. Sein Wachstum ist nämlich nicht, wie das eines Blattes, räumlich, sondern viel mehr zeitlich begrenzt. Er wird sein ganzes Leben lang wachsen und sich dabei auch immer weiter verzweigen. Aber ein Baum kann noch viel mehr als nur wachsen und sich dabei verzweigen. Auch wenn er sich nie von seinem Standort fortbewegen wird, haben er und sein Wachstum einen Einfluss auf die Umgebung, in der er lebt. Er bietet verschiedenen Tieren Schatten, Nahrung, Lebensraum und er beeinflusst die Qualität der Luft – auch wenn es nur ein einzelner ist. Er pflanzt sich fort, sodass er nach einiger Zeit gewiss nicht mehr alleine stehen wird. Die Tiere, die von der Existenz dieses Baumes profitieren, »verzweigen« sich auf eine ganz andere Art, greifen aber auch in den Lebensraum ein, den die Erde ihnen bietet. Sie pflanzen sich fort, erhalten dadurch ihre Art, dass sie ein neues Tier aus sich herauswachsen lassen, ähnlich wie ein Ast einen neuen Zweig. Gleichzeitig greifen sie in die Entwicklung anderer Arten von Tieren und Pflanzen durch ihr Fressverhalten ein. Sie begrenzen dadurch die »Verzweigungen« anderer Lebewesen. Der Mensch macht es im Prinzip ganz ähnlich, nur kommt bei ihm noch etwas anderes hinzu, das nur ihn betrifft und das viel gravierender ist, als es so mancher vielleicht lieber glaubt – so wie ich früher.

Der Mensch ist ein Nachahmungstier, was eine große Stärke ist. So lernt er den aufrechten Gang und das Sprechen nur, weil er die entsprechenden Vorbilder dafür hat. Er liebt es, Vorbilder zu haben – so entwickeln sich z.B. allgemeine Trends in Mode, Sprache, Lifestyle und Musik, aber auch ungesunde Verhaltensmuster können auf diese Weise ihre Verbreitung finden. Weil der Mensch gleichzeitig aber auch Neues liebt, verwandelt er diese Vorbilder manchmal, und aus einem Musikgenre entsteht mit der Zeit ein anderes.

Es gibt aber noch eine weitere Art der Vorbilder, die weniger klar zu erkennen ist. Diese sind heimtückischer und umgeben uns, sobald wir den öffentlichen Raum betreten. Es sind die Handlungen der Menschen, die uns umgeben, und deren Folgen. Menschen, die wir vielleicht überhaupt nicht kennen, die wir nur einmal kurz sehen, und doch nehmen wir wahr, was sie tun, und das zum Teil nicht einmal bewusst. An diesem Punkt ist es wichtig zu verstehen, dass jeder von uns einer dieser Menschen ist, der mit allem, was er tut, einen Einfluss darauf hat, wie die anderen Menschen in seiner Umgebung handeln. Auch wenn dieser Einfluss klein ist, so ist er doch da, genau wie ein Baum mit seinen Blättern und Früchten.

Es scheint mir so, als neigten in der modernen Zeit viele Menschen dazu, sich auf das Eigene, das Innere zu fokussieren. Sich selbst lieben zu lernen ist definitiv eine wichtige Aufgabe für viele von uns, doch darf man dabei nicht vergessen, dass dieses »Ich« durch unsere Taten, ständig nach außen wirkt. Wenn wir uns dessen bewusst werden, dass unser Wirken nicht nur uns selbst oder Menschen, die wir kennen, sondern genauso das, was außerhalb davon liegt, beeinflusst, bekommt das Handeln an sich einen neuen Wert.

Ich greife mein erstes Beispiel – das mit der Zigarette – erneut auf: Früher war ein Boden voller abgerauchter Zigaretten für mich wie eine Einladung, meine dazuzugeben. Diese Zigarettenstummel kommen von anderen Menschen, sie sind die unmittelbaren Überreste ihrer vergangen Handlungen und können Andere dazu bringen, es ihnen gleichzutun. Und jeder neue Kippenstummel der sich dazugesellt, verstärkt diesen Einfluss.

Wenn man sich nun aber aktiv dagegen entscheidet und seine Zigarette anders entsorgt, sie also in einen Mülleimer oder einen Aschenbecher gibt, oder wenn man sogar beschließt, einige vom Boden aufzuheben, dann kann das genauso eine Einladung an andere Menschen sein, es einem gleichzutun. Vielleicht sieht es jemand, begreift, dass es kein viel größerer Aufwand ist, und lässt sich inspirieren.

Meine Handlung, egal wie klein, beeinflusst womöglich nur ein oder zwei Personen, aber diese tragen sie weiter, zu anderen Menschen, die sie in weitere Leben tragen, bis man ihre Reichweite letztendlich nicht mehr überschauen kann. Dies ist natürlich nur ein unbedeutendes Beispiel, aber man kann es im Prinzip auf sämtliche Situationen beziehen, auf schlechte Verhaltensweisen, schlechte Vorbilder, aber genauso auf gute. Und gerade das ist das Wunderschöne an diesem Phänomen. Unsere Handlungen verzweigen sich wie die Adern eines Blattes, wie die Äste des Baumes, zu dem es gehört. Mit dem einzigen Unterschied, dass diese Handlungsverzweigungen weder durch räumliche, noch durch zeitliche Faktoren klar eingegrenzt sind.

Der Gedanke, dass man als einzelner kleiner Mensch nichts verändern könne, erscheint absurd, wenn man weiß, dass uns alles um uns herum ständig auf die eine oder andere Art beeinflusst und gewissermaßen konditioniert. Denn dadurch wird einem bewusst, dass man selbst ein Teil der Umwelt vieler anderer Menschen ist. Man muss nicht versuchen, so viele Menschen wie möglich zu überzeugen, solange man von dem, was man tut, überzeugt ist. Jede Revolution fängt klein an, als ein Impuls im Inneren, und dieser wird sich verzweigen, solange er wächst. Wer weiß schon, wo das letztendlich hinführen wird? Zu neuen Ideen? Zu riesigen Demonstrationen? Oder zu kleinen Veränderungen im Bewusstsein anderer Menschen, den verschiedensten Dingen gegenüber?


Marie Lenschow: Bachelor der Waldorfpädagogik, studiert derzeit Eurythmie am Eurythmeum Stuttgart.