Balance – um die Mitte ringen

Ein Bericht von Emily Collett.

Auf der Suche nach der Essenz der ›bil­dungs­ART20‹ beschäftigt sich das Kernteam mit dem Thema Balance. Der Ausgangspunkt ist sowohl der Blick auf 100 Jahre Anthroposophische Medizin wie auch die Beschäftigung mit den Forderungen unserer heutigen Zeit, in der das Tempo des Lebens immer schneller wird und in dem es mehr Möglichkeiten gibt als je zuvor. So voll, effizient und verknüpft war die Welt noch nie, und trotzdem steigt die Art und Anzahl der Krankheiten auf allen Ebenen stetig. Bei Kindern und Jugendlichen werden zunehmend die unterschiedlichsten psychischen Störungen diagnostiziert. Bei Erwachsenen sind Burnout und Depression zur Normalität geworden.

Wie kann ich, trotz all dieser Heraus­forderungen, einen Weg zu mir selbst finden und wie finde ich Balance? Balance als Begriff verbindet man bekanntlich mit mehreren Bereichen, z.B. als Work-Life-Balance, in der Politik als Balance-of-Power und in der Medizin als die Balance im Säure-Basen-Haushalt. Jedes dieser Beispiele ist ein lebendiger Prozess, der eigentlich nie den Ruhepunkt eines stehenden Gleichgewichts findet, sondern ständig nach dem richtigen Maße sucht und sich die Frage stellt: Welche Verhältnisse sind notwendig, um nicht einseitig zu sein?

Um sich dem Wesen der Mitte zu nähern, hilft Rudolf Steiners Vortrag vom 21. November 1914, der beschreibt, wie unsere Mitte aus den Raumesrichtungen gebildet wird. Von links und rechts, oben und unten sowie vorne und hinten wirken die Kräfte aus dem Umkreis auf unser Denken, Wollen und Fühlen. Unser physischer Leib bildet eine natürliche Grenze, durch die dem Menschen der Raum einer freien Mitte gegeben ist. Der Halswirbel, auf dem der Schädel aufsitzt, das Zwerchfell, das Rückgrat und das Brustbein, wo die Rippenbögen sich beinahe berühren, lassen die Gegenkräfte nicht in diesen Innenraum eindringen. Der dadurch entstehende Raum bildet die Mitte des Menschen und schenkt ihm die Möglichkeit, ein freies Wesen zu werden. Im Rechts-links ist uns kein Freiraum geschenkt. Dort entsteht eine Ebene, auf der Ahriman von rechts und Luzifer von links wirkend aufeinandertreffen.

Unsere Aufgabe ist es hier, ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Kräften zu schaffen. Wenn ich mich als Laie auf ein gespanntes Seil begebe, dann verbringe ich mehr Zeit mit dem Ausbalancieren als damit, ruhig im Gleichgewicht zu stehen, und so ist es auch im Leben. Wenn ich  einen inneren Freiraum haben möchte, muss ich dafür arbeiten. Denn die Polaritäten erfordern ein lebendiges Präsentsein und stetiges Üben, um die Einseitigkeit zu überwinden. Im Michaelzeitalter sind wir gefragt diese Herausforderung zu wagen und uns dabei stärkend den Kräften der Liebe, der Ehrfurcht und der Hingabe zuzuwenden.


Emily Collettmacht derzeit die Bühnenausbildung im Else-Klink-Ensemble und ist Teil des Kernteams der ›bildungsART20‹.


1 Vgl. Rudolf Steiner: ›Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt‹ (GA 158), Dornach 1993, S. 111ff.