Der Impuls des Einzelnen und die gestalterische Umsetzung in der Gemeinschaft

Wünsche und Ziele für die nächsten 100 Jahre.

Ein Beitrag von Claire Holder.

»Es kommt auf den Einzelnen an!« – Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in diesem Stu­dienjahr bereits gehört habe. Ich denke da an die Schilderungen Nana Göbels im Rahmen ihres Auftaktvortrages zur ›bildungsArt 19‹, dass die Gründungen von Waldorfschulen weltweit immer nur durch das Tun einzelner mög­lich waren. Auch an den Vortrag von Tomáš Zdražil, in dem er, ausgehend von Giovanni Pico della Miran­dola und Francis Bacon, von einzelnen großen Gestalten des 20. Jahrhunderts berich­tete, die sich mit großer Kraft erhoben oder mutig vorgedacht haben und den Moment, zu handeln, erkannt und ergriffen haben.

Ich erfahre in anderen Zusammenhängen von einem engagierten Musiklehrer, der die erste Freie Waldorfschule auf der Uhlandshöhe mit­begründete und innerhalb von zwei Jahren einen ganzen Zyklus neuer Lieder für alle acht Schulstufen schuf, weil er ein neues Lied­gut schöpfen wollte, das sinnhaft und der Entwicklung des Kindes entsprechend geformt ist. Und auf der Dreigliederungstagung im April im Forum 3 und im Hospitalhof wird einmal mehr deutlich, wie sehr es auch auf Innovationen und Ideen einzelner Menschen ankommt, um Aspekte der Dreigliederung verwirklichen können.

Und dann ist da ganz aktuell ein spannendes Phänomen, das von einer einzigen Person ausgeht: Greta Thunberg, ein 16-jähriges Mädchen, das seinen Blick und sein Bewusstsein auf einen bestimmten Aspekt der Welt wirft, eine große Not empfindet und tätig wird – im Kleinen zunächst und ganz allein. Doch die Welt wird auf sie aufmerksam, und viele Menschen fühlen sich in dem, was Greta tut und vermittelt, in ihren inneren Bedürfnissen angesprochen und schließen sich ihr an. Heute finden in immer mehr Ländern der Welt große Demonstrationen, die »Fridays for Future« statt, an denen mehr Einsatz für den Klimaschutz von der Politik gefordert wird. Ich beschäftigte mich in der Zeit der beginnenden Pro­teste zufälligerweise mit Rachel Carson, einer Ameri­kanerin, die fast 60 Jahre vor Greta durch ihr inhaltlich gut recherchiertes und litera­risch herausragendes Buch ›Silent Spring‹ zum ers­ten Mal überhaupt auf die zerstörerische Kraft der Pestizide hinwies, was die Weltöffentlichkeit erschütterte und ein neues Bewusstsein für den Schutz der Umwelt hervorrief.

Wenn Rudolf Steiner uns dazu auffordert, »ganz Zeitgenosse« zu sein – kann dies damit gemeint, bzw. eine Zielsetzung sein? Nämlich aus einer inne­ren Verbundenheit und aus einem klaren Ver­ständnis der gegenwärtigen Weltlage heraus eine Not bzw. die Aufgaben der Zeit zu erkennen und daraus heraus zu handeln? Ein Handeln, das, wie es Rudolf Steiner einmal formulierte, »unbelastet von persönlichem Sein Ausdruck ist einer Verantwortung, die hinaufgeht in die geistigen Welten« (1). Für mich wird in diesem Zusammenhang ein Gedanke ganz lebendig: Die Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der uns nicht allein dazu auf­fordert, uns selbst zu entwickeln, sondern aus den daraus gewonnen Erkenntnissen und Fähigkeiten die Welt mitzugestalten. Und das geht nur bei voller Bewusstheit und Auf­geklärtheit über die Welt. Sie hat also die Bewegungsrichtung nach Innen und nach Außen zugleich. Für mich entstand dieses Jahr daraus die große Frage, welche Rolle dabei für uns junge Menschen heute die Anthroposophische Gesellschaft sowie die

Freie Hochschule für Geisteswissenschaft spielen können oder spielen müssen, um dieser Anforderung gerecht zu werden. Braucht es einen Ort, wo man sich innerlich auf diese Aufgaben vorbereitet, oder ist heute vielmehr der Einzelne selbst gefordert, braucht es nicht mehr diese Art von Zusammenschluss zu einer (übenden) Gemeinschaft?

Ich denke, vieles wird dadurch möglich, viele Kräfte werden für ein solches Handeln freigesetzt, wenn man in einem ständigen Streben nach dem Geistigen sein Leben ganz einer Sache, einem Werk widmet und schließ­lich ein Durchdringen dieser Sache mit dem Geistigen anstrebt. Durch ein intensives und enthu­siastisches Verbinden aller Seelen­kräfte mit einer Sache wird man in ihr schöpferisch und gestalterisch tätig und hebt sein Tun über eine bloße Beschäftigung hinaus. Dabei entsteht immer das Potenzial, den inneren Weg der Selbst­entwicklung zu verfolgen, und zugleich eröffnet sich die Absicht, in der Welt zu wirken. Oft betrachte ich die Biografien der Menschen, die vor 100 Jahren in Rudolf Steiners Umfeld tätig waren und ihr Leben ganz in den Dienst der Anthroposophie gestellt haben. Ich denke z.B. an Edith Maryon, welche die letzten Jahre ihres Lebens dafür hingab, in Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner den Menschheitsrepräsentanten auszuarbeiten. Dann frage ich mich: Was heißt es für uns heute, unser Leben ganz der Anthroposophie zu widmen? Und dann wird mir eines klar: Rudolf Steiner hat diese Plastik nicht geschaffen, um sie einer Gruppe ausgewählter Anthroposophen zu zeigen. Seine Intention war, das Bild (zukünftig) der Menschheit zugänglich zu machen, weil er dies für notwendig erachtete. (2) Und ich glaube, das ist, wofür wir noch mehr aufwachen müssen: Die Anthroposophie beschreibt das Wesen des Menschen, bildet den Menschen in Worten ab und plastiziert den Menschen in all seinen Facetten. Die Anthroposophie beschreibt die Welt und die Welt ist in der Anthroposophie enthalten. Deshalb soll sie an dieser beteiligt sein. Überall, wo wir gestaltend in der Welt oder am Menschen tätig sind, sind wir aus der Anthroposophie heraus tätig.

1919 richtet sich Rudolf Steiner mit seinem Aufruf ›An das deutsche Volk und die Kultur­welt‹ an die ganze Gesellschaft. Seine Idee der Drei­gliederung sollte die ganze Menschheit erreichen, ja eine »Kulturtat« sein. Für mich heißt »100 Jahre Waldorf«: Es ist an der Zeit, dass wir aus unserer Nische herauskommen. Wir dürfen uns nicht mehr selbst als exklu­sive Gruppe empfinden, sondern als Welten­bürger und Mitglieder der Gesellschaft.

Die Betrachtung von großen Persönlichkeiten in ihrem Handeln und Wirken zeigt mir, dass sie meist ganz im Sinne der Anthroposophie handeln, auch ohne sich als Anthroposphen zu bezeichnen. Und das tun viele Menschen heute und es werden immer mehr. Dabei denke ich auch an Künstler wie Joseph Beuys und Kunstwissenschaftler wie Michael Bockemühl, die stark aus dem inneren Hintergrund der Anthro­posophie heraus arbeiteten, jedoch immer vermieden, über diese als lose Theorie zu reden. Wir müssen uns real und aktiv in die Welt hineinstellen und vor allem mit ihr in einen Dialog treten. Dazu müssen wir lernen, uns richtig auszudrücken, die richtigen Begriffe zu finden. Wir müssen lernen, uns zu artikulieren und uns angemessen zu gebärden. Ich bin dankbar und ermutigt von dem aufrichtigen Gespräch mit Winfried Kretschmann auf der ›bildungsART‹ und wünsche mir dergleichen mehr. Das ist mein Wunsch und mein klares Ziel für die nächsten 100 Jahre.

Claire Holder

studiert derzeit im Masterstudiengang an der Freien Hochschule in Stuttgart Waldorfpädagogik.

Literaturverzeichnis:
1 Peter Selg: ›Edith Maryon. Rudolf Steiner und die Christusplastik‹, Dornach 2018, S. 7; 2 Vgl. a.a.O., S. 13.