Die achtsame Balance

Ein Bericht von Marie Lenschow.

Vor einiger Zeit war das innere Gleichgewicht ein Thema, über das ich häufig und intensiv nachzudenken pflegte. Ich kam zu dem Schluss, dass ich, um zu verstehen, ob und wie man es erreichen kann, mich zunächst mit der Acht auseinander setzen muss. Die Acht ist wohl die Zahl, die am häufigsten – unbeabsichtigt – in den Mund genommen wird: Achtung; gute Nacht; ich achte dich … Ohne dass wir uns dessen bewusst sind, umgibt sie uns ständig.

Die meisten Menschen neigen nicht dazu, nach symbolischen Bedeutungen zu fragen. Wenn man sich mit Symbolen beschäftigt, wie ich es für meine Bachelorarbeit tat, kommt  ihnen allerdings eine tragende Rolle zu, doch kann es auch im Alltag hilfreich sein, jene Dinge, die uns ständig umgeben, von einer anderen Seite zu betrachten.

Die Acht hat in vielen Mythologien und Re­ligionen eine sehr wichtige symbolische Be­­deutung. So schreibt Jean C. Cooper in ihrem ›Illustrierten Lexikon der traditionellen Sym­bole‹ u.a. Folgendes:

»Im Bereich des Spirituellen ist die Acht das Ziel des Eingeweihten, der durch die sieben Stufen oder Himmel ge­gan­­gen ist, und somit ist sie die Zahl des wie­dergewonnenen Paradieses; Regeneration, Auf­­er­stehung; Glück­se­ligkeit; vollendeter Rhyth­­mus; […]. Es gibt acht Winde – und da­zwischenliegende Rich­tungen des Raumes. Acht stellt auch die Gegen­satzpaare dar.«1

Sind es nicht diese Gegensätze, die es in Balance zu bringen gilt? Gegensätze, die sich in rhythmischer Bewegung zueinander befinden? Extreme wie Tag und Nacht, Gut und Schlecht, Innen und Außen, Du und Ich, Mann und Frau, Wärme und Kälte, Wachen  und Schlafen, Leben und Tod müssen doch in einem sich ständig sich ausgleichenden – und somit beweglichen – Verhältnis stehen. So ist das Ende des einen gleich­zeitig der Neubeginn eines anderen. Die Sonne geht morgens auf und abends unter, um am nächs­ten Tag wieder aufgehen zu können, wäh­rend sie woanders gerade untergeht. Genauso existiert das Gute im ständigen Wech­sel mit dem Schlechten. Was in dem einen Moment als Handlung voll­kommen richtig ist, das ist in der nächsten Situ­ation nicht förderlich oder sogar schädlich.

Betrachten wir die Extreme, von denen wir um­geben und durchdrungen sind, einmal hy­po­­the­tisch als sich voneinander unab­hängig be­­wegend, dann könnte die Welt wie folgt aus­sehen: Wo Tag ist, würde er bleiben; die weib­lichen Wesen jeder Gattung würden sich nur mit den Ihren abgeben und kein neu­es Leben würde entstehen; überall würde die gleiche Temperatur herrschen, wodurch es kei­ne Vielfalt in Flora und Fauna gäbe; die Men­­schen wären entweder vollkommen in sich gekehrt oder viel zu extrovertiert, wür­den handeln, ohne zu denken, und Gedanken bilden, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Man könnte sich Gegensätze, die sich so »selbst­bezogen« verhalten, wie Kreise vorstellen, die sich um sich selbst drehen und dabei ihrem Gegenbild ohne jeden Kontakt gegenüberstehen (siehe Grafik). Verbinden sich nun diese Extreme mit ihrer jeweiligen Polarität, dann bilden sich durch die Kontaktpunkte jeweils Achten. Die Extreme bewegen sich nun achtsam umeinander und überschneiden sich.

Die Hälfte dieser Acht finden wir in einem ­welt­bekannten Symbol für Harmonie und Gleich­gewicht: dem Tai Chi, das für die Ver­einigung von Yin und Yang steht. Warum wir hier nur eine Hälfte der Acht sehen, kann mehrere Gründe haben. Zum einen, um die Verbindung der Extreme innen und außen her­zustellen: Das Symbol liegt außen und stellt selbst nur die eine,  sinnlich wahrzuneh­mende  Hälfte seiner selbst dar, während wir die zweite Hälfte – nämlich die Bedeutung – aus unserem Inneren hinzufügen. Zum anderen steht das Tai Chi für die Bewegung der Extreme umeinan­der. Die zweite Hälfte der Acht kann der Beobachter also finden, sobald er das Symbol vor seinem inneren Auge dreht und bewegt.

Mir scheint, als würde sich alles auf dieser Erde in einer natürlichen Ausgewogenheit mit und zwischen den Polaritäten bewegen. Dem Menschen allerdings wurde die Ehre zuteil, sich diese Balance zwischen den Polaritäten aktiv erringen zu dürfen und sich immer wie­­der von neuem darin auszuprobieren, wo er wann stehen kann, möchte oder muss. Das tut kein Tier und keine Pflanze. Weder Pflanze noch Tier müssen ihre innere Balance erst erringen – sie leben einfach.

Ist man immer zu selbstbezogen, werden sich viele Menschen lieber anders die Zeit vertreiben, und es steigt die Gefahr für einen selbst, einsam und unglücklich zu werden.

So ist es z.B. für jeden Menschen wichtig zu lernen, im richtigen Maß in der Zeit zu stehen. Ist er zu sehr in seinen Erinnerungen gefan­gen, kommt er nicht ins Handeln und wird unglücklich. Hängt er zu sehr seinen Träu­mereien nach, in die Zukunft hinein, kommt er auch nicht ins Handeln und wird ebenfalls unglücklich. Wenn er zu sehr im Moment lebt, nach dem klassischen Motto: »Lebe jeden Tag, als ob er dein letzter wäre«, wird er viele seiner unüberlegten Handlungen später bereuen. Es geht vielmehr darum, im Moment so zu handeln, dass es einen dem Ziel näher bringt, und dabei die Vergangenheit – in Form von Erfahrungen – mitzunehmen, so dass sich im Jetzt etwas Neues bilden kann.

Betrachten wir die Begegnung mit anderen Menschen, dann ist es ebenso wichtig, sowohl nach den eigenen Bedürfnissen zu handeln, wie auch offen für die des Gegenübers zu sein. Ist man immer zu selbstbezogen, werden sich viele Menschen lieber anders die Zeit vertreiben, und es steigt die Gefahr für einen selbst, einsam und unglücklich zu werden.

Ich halte die innere Balance für einhergehend mit der ständig sich weiter entwickelnden Seele, mit dem Ziel, alle Wesenheiten der Acht letztendlich in sich zu vereinen.

Dieses Schema der Extreme und ihrer be­weglichen Mitte kann man auf jedes Ver­hältnis beziehen, das ein Mensch zu den Polaritäten hat. Für mich steht außer Frage, dass psychische Krisen und teilweise auch Krankheiten ihren Ursprung dort haben können, wo das Gleichgewicht zwischen den Polaritäten gestört ist. Da die Gegensätze des Lebens niemals feststehen, sondern erst durch die gemeinschaftliche Bewegung umeinander eine Harmonie bilden, darf man auch die eigene Balance niemals in etwas Festem suchen. Finden kann man diese nur, wenn man es schafft, sich auf eine gesunde Weise innerhalb der Extreme bewegen zu können. Mir scheint die Vorstellung utopisch, man könne innerhalb eines Lebens jemals einen Zustand erreichen, in dem man sich im völligem Gleichgewicht mit allen Polaritäten befindet. Das ändert aber nichts an dem Gewinn, den man haben kann, wenn man beginnt, darauf hinzuarbeiten.

Auch Rudolf Steiner ist der Ansicht, dass die Entwicklung des Menschen etwas ist, das sich über mehrere Leben hinweg vollzieht. Ich halte die innere Balance für einhergehend mit der ständig sich weiter entwickelnden Seele, mit dem Ziel, alle Wesenheiten der Acht letztendlich in sich zu vereinen.


Marie Lenschow studierte an der Freien Hochschule Stuttgart und absolvierte dort den Bachelorstudiengang der Waldorfpäda­go­gik. Derzeit studiert sie Eurythmie am Eurythmeum Stuttgart.


1 Jean Campbell Cooper: ›Illustriertes Lexikon der traditionellen Symbole‹, Leipzig 1986, S. 224.