"Die Chance ist groß, viel mehr zu schätzen, was es heißt lernen zu dürfen."

Aus aktuellem Anlass haben wir unseren campusA-Initiativkreis zur gegenwärtigen Lage in den verschiedenen Bildungseinrichtungen am campusA, drei Fragen gestellt. In diesem Beitrag befragte Andreas Kehl (Koordinationsbüro) Marco Bindelli, seit 2002 Dozent und Leiter des Freien Jugendseminars in Stuttgart. Er lehrt dort unter anderem, anthroposophische Grundlagen und Musik.

Andreas Kehl: Wie beeinflusst die aktuelle Situation die Entwicklungen in Ihrer Einrichtung?

Marco Bindelli: Zur Zeit haben wir keinen Unterricht, da wir aber eine Lebens- und Wohngemeinschaft sind, dürfen alle Seminaristen weiter im Hause sein und ihre Freizeit natürlich sinnvoll miteinander gestalten. Sie machen selbstständig einen Tages- und Wochenplan und üben die Künste miteinander. Außerdem bilden sie Gesprächs- und Lesegruppen, bieten Nachbarschaftshilfe an, kümmern sich um den Garten, bilden Einkaufteams, kochen füreinander.

A.K.: Welche Chancen oder Gefahren sehen Sie in dieser Entwicklung?

M.B.: Die Chance ist groß, viel mehr zu schätzen, was es heißt lernen zu dürfen. Der soziale Abstand macht auch bewusst, wie sehr wir die Nähe und den Kontakt zu Menschen brauchen. Die analoge Wirklichkeit ist wieder viel mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, viele scheinbare Selbstverständlichkeiten werden mit Dankbarkeit verrichtet, die Natur atmet auf und viele Menschen ebenfalls. Wir beobachten auch eine gesteigerte Achtsamkeit im sozialen Umgang und Selbständigkeit, Verantwortung und Gestaltungswille der Seminaristen haben sich sehr gesteigert. Gefahren wären natürlich ein staatliches Überwachungssystem, dauerhafte Einschränkung der Grundrechte und nachhaltige allgemeiner wirtschaftlicher Niedergang. Außerdem müssen wir sehen, ob und wie wir mit zukünftigen Bewerbern umgehen, wenn Bildungseinrichtungen, wie wir, noch länger geschlossen sein müssten.

A.K.: Was kann das für die Zukunft bedeuten – Prävention, notwendige Entwicklungsschritte – vielleicht auch über die Einrichtung hinaus?

M.B.: Die Seminaristen arbeiten gerade sehr konkret an dem Projekt Jugendseminar 2.0. Dabei geht es um eine echte Weiterentwicklung des Programms und der Rhythmen inklusive viel stärkerer Mitverantwortung der Seminaristen für ihren Bildungsprozess auch über die Zeit ihres Aufenthalts am Seminar hinaus. Außerdem müssen die eigene Urteilsfähigkeit in viel höherem Maße ausgebildet werden, als bisher, ebenso Vertrauen in die eigene Beobachtung und das ganzheitliche lebendige Denken. Wir wollen ansteckende Gesundheit verbreiten.

Marco Bindelli hat zunächst Musik studiert und dann Philosophie parallel zur Anthroposophie. Er lebt und wirkt seit 1987 in Stuttgart. Nach einigen Jahren freier Dozententätigkeit an verschiedenen Ausbildungen wie dem anthroposophischen Studienseminar, dem Eurythmeum Stuttgart und der Eugen Kolisko Akademie übernahm er ab 2002 die Leitung des Freien Jugendseminars. Er ist außerdem Mitbegründer des campusA.