Interview mit Marco Bindelli zu campusA Stuttgart

– Das Interview hat Christoph Hueck, Redaktionsmitglied der Zeitschrift DieDrei, im Rahmen der Rubrik „Campyrus“ in der Oktoberausgabe der Zeitschrift „DieDrei“ geführt. Marco Bindelli ist Musiker, seit 2002 Leiter des Freien Jugendseminars Stuttgart und einer der Hauptinitiatoren der campusA-Initiative.

Frage: campusA – Was steht hinter diesem klangvollen Namen?

Marco Bindelli: Der Name ist für die Tagung 20 vor 12 (2012) entstanden. Diese ging aus einer Anfrage des Jugendseminars an die deutsche anthroposophische Landesgesellschaft hervor, und Michael Schmock hat damals vorgeschlagen, auch die anderen Stuttgarter anthroposophischen Ausbildungsstätten zu beteiligen. Johanna Taraba, eine ehemalige Seminaristin des Priesterseminars, hatte die Idee, das ganze campusA zu nennen. A für Anfang, für Offenheit (als eurythmische Geste), für Güteklasse [lächelt] und natürlich für Anthroposophie.

F: Wie viele Menschen gehören zum Campus?

MB: Potentiell über 600 Studierende und ca. 100 Dozenten. Neben den Stuttgarter Ausbildungen (Eurythmeum, Jugend-, Priester- und Erzieherseminar, Freie Hochschule, Theaterakademie) auch das Pflegebildungszentrum und die Eugen-Kolisko-Akademie in Filderstadt.

F: Wofür braucht man den Campus als zusätzliche Organisation neben den einzelnen Einrichtungen?

MB: Nun, wir im Jugendseminar wurden 2008 von Stiftungen gefragt, ob die anderen Ausbildungen uns tatsächlich brauchen, denn wir bieten ja keine Berufsabschlüsse. Die anderen haben gesagt: Ja, wir brauchen euch, wir sehen das an unseren Studierenden, die schon ein Jahr bei euch waren! Das Jugendseminar ist eine Art Studium Fundamentale, und zur Zeit überlegen wir, ob sich etwas ähnliches für den ganzen Campus einrichten ließe. Dann gibt es eine schleichende Bachelorisierung der Studiengänge, mit immer weniger Raum für allgemeine, grundlegende Fragen. Wir wollen allerdings keine zusätzlichen Veranstaltungen machen, sondern uns im zeitlichen Rahmen der bestehenden Stundenpläne bewegen. Der nächste Schritt in der Entwicklung des Campus war daher die Bildungsart, für die wir eine ganze Woche der normalen Studienzeit erhielten. Zur Vorbereitung haben wir im Herbst 2012 das Campus-Büro mit Sebastian Knust gegründet, wofür wir auch Geld von den Ausbildungsstätten erhielten.

F: Wie steht es mit dem sozialen Aspekt?

MB: Vor ziemlich genau 7 Jahren gab es so etwas wie den Ur-Impuls zum Campus von der damaligen Sekretärin des Eurythmeums, Frau Alba. Sie regte an, uns bei den Veranstaltungen zu Rudolf Steiners 150. Geburtstag 2011 in Stuttgart zu beteiligen. In der Vorbereitungsgruppe haben wir gemerkt, dass es ja eigentlich schön und wichtig ist, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen. Denn wir kannten uns gar nicht mehr richtig. „Stuttgart 21“, Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Und so entstand die Initiative für gemeinsame Dozententreffen dreimal im Jahr, unter anderem mit Austausch zu Fragen der Erwachsenenbildung.

F: Was bedeutet Campus A für die Studierenden?

MB: Nun, später im Leben werden unsere Studierenden – Ärzte, Lehrende, Erziehende, Priester, Eurythmisten, Pflegende, Schauspieler – ja in vielfältiger Weise zusammenarbeiten. Das könnte doch auch schon während der Ausbildung so sein. Und dann die allgemeinen Themen, die alle angehen! Das waren zum Beispiel: Aus welchen Motiven kommst du hierher (20 vor 12)? Wie will ich lehren und lernen (erste Bildungsart)? Für die zweite Bildungsart das Thema Herz-Impulse. Ich sehe die einzelnen Ausbildungsstätten als Organe eines Organismus, und wir brauchen ein gemeinsames, rhythmisch arbeitendes Zentrum, eine Art Herz als Wahrnehmungsorgan. Als Ort ist dazu das Rudolf Steiner Haus prädestiniert. Die dritte Bildungsart ging um die Frage nach der Selbstentwicklung in einer digitalisierten, technisierten Welt, und die vierte hatte das Thema Geld, Macht, Freiheit, wo dann ja auch der Hospitalhof in Stuttgart mit eingestiegen ist. Die Grundfrage ist immer: Was heißt Anthroposophie im 21. Jahrhundert? Im nächsten Jahr wird das Thema Menschenwürde, Menschenrechte sein, und 2019 dann natürlich 100 Jahre Waldorfschule und Dreigliederung.

F: So gewinnt der Campus nach und nach mehr öffentliche Ausstrahlung?

MB: Ja. Das, was jede Institution für sich bewegt, soll ausstrahlen und gesellschaftlich relevant werden. Die einzelnen Einrichtungen sind dafür zu klein. Von außen werden wir aber schon lange als Einheit wahrgenommen, die Stadtverwaltung sieht uns als „die Anthroposophen auf dem Hügel“. Es geht einerseits um Substanzbildung nach innen, sozusagen um eine vertiefte Berufsesoterik, und andererseits um eine verstärkte Ausstrahlung in die Öffentlichkeit, so dass junge Menschen sagen: Da muss ich hin, da passiert das, was ich suche. So werden wir im nächsten Jahr einen ersten gemeinsamen Infotag anbieten. Man darf also auch die praktischen Synergien nicht geringschätzen. Stiftungen z.B. reagieren extrem positiv auf die campusA-Initiative. Auch in der Lehre könnte man Synergien schaffen, damit nicht ein und derselbe auswärtige Dozent in allen Seminaren einzeln denselben Kurs hält. Auch in Bezug auf die Verwaltung oder beim „facility management“ sind Synergien denkbar, und auch dazu gibt es bereits eine Initiative.

F: Welche Vision hast Du für den Campus in 15 Jahren?

MB: Eine anthroposophische Hochschule, die diesen Namen verdient und in der die Lehr- und Lernmethode darin besteht, dass sich Wissenschaft und Kunst gleichberechtigt durchdringen. Ich möchte Anerkennung in der Öffentlichkeit, aber nicht, indem ich die Anthroposophie verbiege oder wegschmeiße. Aber ich möchte auch nicht sagen: Mich interessiert die Anerkennung nicht, ich bleibe nur stur anthroposophisch. Gerade diese Weiterentwicklung und Durchdringung erzeugt dann wirkliche Begeisterung und ein soziales Leben, das diesen Namen verdient.

F: Und wie sieht es mit der Spiritualität, mit der Esoterik aus?

MB: Nun, die Art unserer Wissenschaftlichkeit ist die Spiritualisierung des Denkens. Das ist ein Weg zur Geisteswissenschaft, dazu, ein selbstständiger geistiger Forscher zu werden und daraus dann künstlerisch handlungsfähig. Denn was heißt denn Heilkunst, Erziehungskunst usw.? Ohne selbst forschen zu können, kann ich ja nur Traditionen weitertreiben, die dann immer hohler werden. Der campusA soll ein Ort sein, an dem das erneuert werden kann.

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