Die Revolution, die wir brauchen, gibt es nicht

Ein Bericht von Hannah Malina Bar-Lev.

»Das Leben der Welt muß in seinen Fundamenten neu gegründet werden.«¹ Rudolf Steiner

Alles, was gerade an Revolution passiert und viel Aufmerksamkeit erhält, ist nicht das, was »wir« brauchen: Klimawandel, Nachhaltigkeit, Anti-Rassismus, Feminismus… alles schön und gut, doch diese Revolutionen sind im Grunde Symptome einer tieferliegenden Sache. Menschen merken grundlegend, dass die Welt, so wie sie ist, nicht der Wahrheit entspricht, die sie in ihrem Herzen spüren. Sie spüren, dass die Welt um sie herum und in ihnen das Potenzial hat, schöner zu sein und wahrer. Das ist es eigentlich, was unter all diesen Revolutionen liegt. Das ist die eigentliche Revolution. Menschen erwachen zur Wahrheit ihrer Herzen. Menschen akzeptieren nicht mehr, mit diesem grundlegenden Erleben von Unwahrheit zu leben. Sie stehen auf, sie fangen an zu suchen – nach Erklärungen, nach Alternativen. Der Ausdruck dieses Erwachens wird sich in Zukunft immer authentischer und bewusster manifestieren, wird aus dem »Gegen« herauswachsen, in ein bewusstes »Für«, in ein bewusstes Erschaffen unserer Innen- und Umwelt ent­sprechend der Wahrheit unserer Herzen.

Schau dich einmal um und spüre, wo du Wahrheit erleben kannst. An welchem Gegenstand in deiner Nähe kannst du Wahrheit erleben? Tu es wirklich, schau dich um, nimm dir kurz Zeit. Als nächstes, gehe in dich und frage in dich: »Wann habe ich in meinem Alltag Wahrheit erlebt, an einem anderen Menschen?« – Es kann schockierend sein festzustellen, wie wenig allein an den Möbeln, deren Formen, Farben und Material eine Resonanz der Wahrheit geschieht. In meiner Nähe reichen am ehesten der Strauß getrockneten Lavendels an Wahrheit heran und das Schneckenhaus in meinem Traumfänger, mit seiner ebenmäßigen Spirale. Dann kommen die von Hand geschreinerten Möbel eines Freundes, vor den maschinell hergestellten, und eine organisch geformte Lampe. Zuletzt vielleicht der Laptop, an dem ich tippe.

Orte der Wahrheit – Das erste Goetheanum war ein wahrer Ort. Jede Form, jedes Kapitell, jede Farbgebung war von Wahrheit durchdrungen, aus Liebe und mit wachem Geist gebaut. Es war ein Tempel, eine Oase der Wahrheit und damit ein Ort, an dem Menschen sich an die schöne, wahre Welt erinnerten. Die Welt, die sie als tiefes Wissen in ihrem Herzen trugen, die Welt, für die sie insgeheim lebten. Dieser Ort ist abgebrannt. Und unsere Welt wurde in noch viel tiefere Unschönheit und Unwahrheit getrieben.

An welchen Orten erlebst du Wahrheit? –Wir brauchen diese Orte. Oasen der Wahrheit. Orte, in denen alles aus Liebe geformt, aus dem Gespür für Wirklichkeit geboren ist, aus wachem Geist und lebendigem Körper. Sie werden uns erinnern, die Wahrheit in uns wieder zum Schwingen bringen, damit sie größer wird und uns keine Wahl mehr lässt, wie wir leben.

Das Goetheanum, und besonders dessen Garten, ist ein Ort, an dem ich Wahrheit erleben kann, ich spüre sie. Dieses Spüren ist erholsam, heilsam. Dem einen oder anderen mag es genauso gehen. Wenn nicht, an welchen Orten kannst du Wahrheit erleben? Wie erlebst du das? Spüre in dich hinein, wie du Wahrheit in deinem Körper, deinen Empfindungen, deinem Geist wahrnehmen kannst. Durchatmen, tie­feres Atmen kommt bei mir als erstes. Sinken. Im Empfinden: Ruhe, Klarheit, Einfachheit, Zuversicht, Gelassenheit, Angekommen-Sein, Zufriedenheit, Harmonie, Erfüllung, Entspannung, Freude … Geistig weniger Aktivität, dafür bewusste Gestaltung. Ahnen. Fragen. Inspiration. Verstehen. Erkennen. Ein Fluss entsteht zwischen allem. Erkennen wird zu Freude, zu Lebendigkeit zu Atem. Lebendigkeit wird zu Neugierde und Weiterfragen.

Orte, in denen alles aus Liebe geformt, aus Gespür für Wirklichkeit geboren ist, aus wachem Geist und aus lebendigem Körper.

Wenn wir das eingangs genannte Zitat von Rudolf Steiner in uns aufnehmen, können wir darin Wahrheit erleben? In mir ist das so, ich habe seit Jahren immer wieder Momente, in denen mir genau dieser Ausspruch einfällt und mein Erleben der Welt so tief in Worte fasst. Erschütternd. Können wir die Tragweite dieser Worte erfassen? Das Fundament der Welt… Der wahre Bauplan? Die wahre Bestimmung der Dinge? Worauf fußen die Dinge? Woraus erwachsen sie?

Letztlich wissen wir das, zumindest abstrakt: Sie erwachsen aus dem Geistesleben, sie wurzen in der geistigen Welt. Wir können uns folgende Fragen stellen: Was ist die wahre Bestimmung der Pädagogik? Des Wirtschaftswesens? Der Jugend? Der Familie? Der Liebesbeziehung? Dieser Begegnung? Dieses Ortes? Des Zusammenlebens und des Zusammenarbeitens der Menschen? Des Geldes? Der Sexualität? Des Denkens? Des Fühlens? Des Spürens?

Wenn die Welt in ihrem Fundament noch nicht ihrer wahrsten Bestimmung entspricht und wir in dieser Welt aufgewachsen sind, ist dann nicht unser eigenes Fundament auch so bröckelig, bröselig unwahr? Wie sollen wir nun ein Fundament in der Welt aus der Wahrheit heraus neu gründen, wenn wir selbst auf einem unwahren Fundament stehen?

Wir brauchen die Revolution aus dem erwachten Menschenherz. Unser erwachtes Menschenherz ist das wahre Fundament in uns, es weiß von der wahren Bestimmung der Dinge, es ist die Mitte. Das Denken, das Fühlen, die Sexualität, das Zusammenleben, das Arbeiten – alles wird sich, wenn wir es aus diesem erwachten Herz heraus neu gründen, zum Guten, zur Wahrheit, zur Liebe wenden, wird seine wahre Bestimmung erfüllen. Das erwachte Herz belebt unser Denken, es ist das Tor, durch das die geistige Welt zu uns sprechen, ihre Wahrheiten offenbaren kann, und das zum Teil in einem schnellen Tempo – und das ist an der Zeit. Es ist nun an der Zeit, dass wir die geistige Welt in diesem schnellen Tempo zu uns sprechen lassen und aus diesen Erkenntnissen die Welt in ihrem Fundament neu gründen.

Abschließend möchte ich euch herzlich einladen zum Seminar ›Spiritualität der Jugend‹ mit Johannes Greiner und mir am 30. Oktober und 1. November. Ort ist das Seminarhaus ›Der Quellhof‹ bei Kirchberg a.d. Jagst. Weitere Infos und Anmeldung unter: www.quellhof.de


Hannah Malina Bar-Lev schrieb diesen Text in der 41. Schwangerschaftswoche in der neugegründeten Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Kloster Allerheiligen. Ehemals in Ausbildung am Waldorferzieherinnenseminar und Mitbegründerin der Jugendbewegung um den Verein ›Demokratische Stimme der Jugend e.V.‹

¹ Ansprache vom 20. Juli 1924 in Rudolf Steiner: ›Die Erkenntnis-Aufgabe der Jugend‹ (GA 217a), Dornach 1981, S. 183.