Um die Mitte ringen - Durch gemeinsames Streben bildet sich Gemeinschaft

Eine Schilderung der bildungsART 20 von Lisa van Holsteijn.

Zum siebten Mal wurde von Studierenden des campusA Stuttgart eine Woche vorbereitet und gestaltet, in welcher sich alle anthroposophischen Ausbildungen in Stuttgart, zusammen mit interessierten „Externen“, gemeinsam einem Thema vertiefend widmen. Dieses Jahr hatte die bildungsART 20 das Thema Balance – um die Mitte ringen. Wir haben im Kernteam lange mit der Frage gerungen, wie ein Programm aussieht, das balanciert ist. Ein Programm, wodurch ein Streben nach Balance, dieses Ringen um die Mitte, erlebbar wird und wodurch wir alle unsere eigenen Antworten auf die Frage finden können, was denn eigentlich Balance für mich bedeutet? Wir haben eine Reihe besonderer Menschen eingeladen, aus verschiedenen Hintergründen, mit verschiedenen Expertisen, damit wir diese Thematik von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachten können. Im Folgenden werde ich einen Überblick geben über den Bogen, welcher von unseren eingeladenen Vortragsrednern und den künstlerischen Beiträgen durch die Woche hindurch geschaffen wurde.

„In einer Zeit, in welcher wir ständig um unsere Mitte, um unsere Gesundheit ringen müssen, ist es essentiell, dass wir anders denken lernen.“
– David Martin: Wie kann ich gesund krank sein?

Am Sonntag Abend, den 1. März, in einer ganz vollen Cafeteria unten im Steiner Haus, wurde die bildungsART mit einer schönen musikalischen Einstimmung unseres berühmten Duos Marco und Lena und dem ersten Vortrag eröffnet. Unser Redner Dr. David Martin ist Facharzt an der Filderklinik in Stuttgart und Inhaber des Lehrstuhls für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Uni Witten-Herdecke sowie Gewinner vieler medizinischer Forschungspreise. Trotz dieses reichen wissenschaftlichen Hintergrunds glich sein Vortrag mehr einer künstlerischen Improvisation, in die er all sein umfangreiches Wissen verwandelte und uns als Zuhörern einen lebendigen Zugang zu dem tieferen Sinn vieler Krankheiten ermöglichte. Das Publikum durfte David Martin die verschiedensten Krankheitsbilder zurufen. Diese gingen von Corona über Depressionen bis zur Organspende und Burnout. Kunstvoll wurden diese und weitere Themen eingewoben in eine Art „Krankheitskaleidoskop“ und gemeinsam schauten wir diese Krankheiten von verschieden Perspektiven an. Mitten in dieser Reise hat David Martin den Saal mit seiner berührenden Aufführung von Bothmer- und Eurythmie-Übungen (manchmal auch am Bahnhof zu sehen!) begeistert. Dadurch hat er gezeigt, wie er selber die Kunst des „Gesundkrankseins“ übt. Ich habe durch seinen Vortrag den Sinn des „Ringens um die Mitte“ sehen gelernt. Denn wenn uns dies gelingt, lernen wir Gesundkranksein. Um mit den Worten von David Martin zu schließen: „Gesundkranksein ist eine Kunst, die gelernt werden will.“

„Wir brauchen ein erneuertes Menschenbild, der Mensch ist kein physikalisch, chemisch, optimierbares Wesen, sondern ein Wesen, das seine Einschränkungen annehmen lernen soll, damit wir lernen durch unsere Einschränkungen zu wachsen.“
– Peter Selg: Die Gesundung der Heilkunst – warum die Medizin der Anthroposophie bedarf

Am Dienstag Morgen nahm der anthroposophische Arzt und berühmte Buchautor Dr. Peter Selg uns auf eine Reise mit. Er weitete unsere Blicke, sodass wir auf einer weltlichen und gesellschaftlichen Ebene sehen konnten, warum die Anthroposophische Medizin in die Welt gekommen ist. Durch Beispiele von Ritalin und Konzeptionsmitteln hat er geschildert, wie die Medizin die starke Sehnsucht hat den Menschen in seiner Unvollkommenheit zu optimieren. Hierbei wurde deutlich, dass wir als Menschen von der Medizin manchmal eine Unterstützung brauchen, „aber diese soll uns befähigen, nicht zerfallen lassen“ betonte Dr. Selg. Weiter sprach er von Rudolf Steiners Entwicklungsgedanken: „wir brauchen ein erneuertes Menschenbild, der Mensch ist kein physikalisch, chemisch, optimierbares Wesen, sondern ein Wesen, das seine Einschränkungen annehmen lernen soll, damit wir lernen durch unsere Einschränkungen zu wachsen.“ Krankheit hat einen Sinn. Durch diesen Vortrag habe ich das große Potenzial der Anthroposophischen Medizin noch einmal verdeutlicht bekommen. Sie befähigt den Menschen eigenständig seine Balance immer wieder neu zu finden.

„Wenn Technik dient, können wir in der gewonnenen Freizeit schöpferisch arbeiten, aber wenn die Technik herrscht, werden wir Sklaven.“
– Michaela Glöckler: Verpixeltes Ich – Gesund balancieren im digitalen Zeitalter

Nach einem schönen Tag mit ganz lebendigen, kreativen Seminarbeiträgen des Pflegebildungszentrums und des Jugendseminars, gingen wir hinunter in die Stuttgarter Innenstadt zum Hospitalhof. Der Hospitalhof ist ein evangelisches Tagungszentrum, mit dem schon seit ein paar Jahren eine fruchtbare und thematisch anregende Kooperation besteht. Dort erwartete uns in einem gut gefüllten Saal die anthroposophische Kinderärztin und Mitbegründerin der „Alliance for Childhood“ sowie inspirierende Powerfrau Dr. Michaela Glöckler. Sie holte uns wieder zurück in die heutige Zeit und kam von einem gesellschaftlichen Blickwinkel, welchen Peter Selg mehr eingenommen hatte, zu dem individuellen Standpunkt jedes Einzelnen. Michaela Glöckler zeigte uns, wie das heutige Überangebot an digitalen Sinnesreizen auf unser „Ich“ wirkt – wie die heutige medial-reiche Landschaft die Möglichkeit hat unser Ich zu zerreißen, zu „verpixeln“. Sie sagte „wenn Technik dient können wir in der gewonnenen Freizeit schöpferisch arbeiten, aber wenn die Technik herrscht, werden wir Sklaven“. Ihr großes Herzensanliegen ist, dass die Technik wirklich dienen soll, dafür ist ein gesundes Menschenbild wesentliche Voraussetzung. Erst aus diesem heraus kann ein Verständnis entstehen, in welchem Alter und in welcher Form die Technik sinnvoll genutzt werden sollte.

„Friede kann als Ergebnis eines tiefen Lernprozesses entstehen, indem der Mensch sich seiner Erlebnisse und Fähigkeiten bemächtigt und sie zur Gesundung des Ganzen im Individuellen und im Sozialen zur Verfügung stellt.“
– Mariano Kasanetz und Xenia Medvedeva: Der gesunde Mensch als Friedensstifter

An dieser Stelle sind wir in der Mitte der Tagung angekommen. Am Mittwoch Morgen traten die neuen Leiter des Priesterseminars, Mariano Kasanetz und Xenia Medvedeva, auf die Bühne im Steinerhaus. Sie nahmen uns, aus dem veräußerlichten digitalen Zeitalter heraus, auf einen inneren Weg zum Menschseins mit. Für das Publikum war es inspirierend zu erleben, wie sich die beiden eine große Holzkugel als Symbol für die Welt stetig überreichten, und so das Gefühl entstehen ließen, ihren Vortrag wirklich gemeinsam zu halten. Sie gingen mit uns abwechselnd durch die Seligpreisungen der Bergpredigt im Matthäus Evangelium und zeigten uns, wie diese Bilder zu uns heute sprechen können. Gelingt es uns, diese Bilder neu in unserem Inneren aufleben zu lassen, kann „der Mensch sich in das Ganze der Welt sinnvoll einfügen, und als Friedensstifter gesundend wirken“. Mit dieser Botschaft schlossen Mariano und Xenia ihren Tandem-Vortrag. Als Kernaussage der beiden nehme ich die Worte mit: „Friede kann als Ergebnis eines tiefen Lernprozesses entstehen, indem der Mensch sich seiner Erlebnisse und Fähigkeiten bemächtigt und sie zur Gesundung des Ganzen im Individuellen und im Sozialen zur Verfügung stellt.“

„Der Mensch ist mit der Erde in Disbalance geraten und die Meere, Wälder,
Böden und Lebewesen können diesen „Tanz“ mit der Gesellschaft nicht mehr in der gegenwärtigen Art und Weise ertragen.“
Johannes Kronenberg: Die Erde in Disbalance – die Welt als Spiegel des Menschen

Am Donnerstag, unserem vorletzten Tag, führte uns Johannes Kronenberg wieder aus der Innenwelt, in welche wir am vorherigen Tag eingetaucht waren, hinaus, und begann eine Reise in die großen sozialen Zusammenhänge der Welt. Johannes arbeitet seit 2019 an der Jugendsektion am Goetheanum und ist einer der feurigsten und inspirierendsten jungen Menschen, die ich kenne. Er beschäftigt sich mit der Klimafrage und dem Zusammenhang unserer inneren Balance – oder genauer gesagt Disbalance – mit der Klimakrise. Die Verbindung von unserem inneren Zustand und der Welt hat er uns durch Schilderungen von Klimaskeptikern, Technologie-Optimisten und dem Anfang des „Anthropozän“ deutlich gezeigt. „Der Mensch steht in der Mitte zwischen Erde und Kosmos“, betonte Johannes gegen Ende seines Vortrags. Es ist die Aufgabe der Menschheit, ein inneres Gleichgewicht herzustellen, um der Welt aus der entstandenen Disbalance heraus zu helfen. „Wir brauchen Menschen voll Kraft und Mut, Menschen geläutert in heiliger Glut“ – dies sind die ersten zwei Zeilen eines Gedichts, mit welchem uns Johannes ermutigte, um unsere eigene Mitte zu ringen.

„Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte“ (Steiner, GA10; S.28).
– David Martin: Um die Mitte Ringen

David Martin nahm in unserer Woche die Rolle des „Alpha und Omega“ ein. Am letzten Vormittag der bildungsART hielt er nochmal einen sehr lebendigen Impulsvortrag, in welchem er uns zeigte, wie sehr ihn das große Potenzial, das er auf dem Campus wahrnimmt, berührt und begeistert. Gleichzeitig führte er uns vor Augen, in welcher „Oase“ wir auch leben. Er trat mit der Bitte an uns heran, die Möglichkeiten auch wirklich zu ergreifen, die diese anthroposophische „Oase“ uns bietet. Es kommt darauf an, sich all die hohen Menschheitsideale und tiefen geistigen Wahrheiten, die uns während unseres Studiums begegnen, ganz zu eigen zu machen, in die Tat zu kommen. Bei seinen Worten fiel mir sofort das folgende Zitat von Rudolf Steiner ein, welches ich an den Schluss meiner Schilderung der Vormittagseinheiten stellen möchte: „Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte“ (GA10; S.28).

„Der Mensch ist aber ein Gott, so bald er Mensch ist.“
– Kunstperformance, Studierende der Freien Hochschule

Neben den mehr theoretischen Inhalten, welche die Vormittage füllten, legten wir als ausbalancierendes Element in unserem Rahmenprogramm der bildungsART wie immer einen großen Schwerpunkt auf künstlerische und musikalische Beiträge.

Am Montag Abend durften wir das beindruckende Live Hörspiel von Lena Sutor-Wernich und Marco Bindelli, „Das denkende Herz“ erleben. Durch komponierte Improvisation, was an sich ein Balance-Akt ist, stellten sie Texte aus Etty Hillesums Tagebuch musikalisch dar. Als junge jüdische Frau während der Zeit des NS-Terrors schrieb Etty Hillesum in ihren letzten Lebensjahren über ihren inneren Weg der Lebensbejahung und über die Verwandlung von Hass in Liebe. „Ich finde das Leben schön und sinnvoll. Jede einzelne Minute.“ Bemerkenswerte und berührende Worte wie diese wurden durch den Gesang von Lena und die musikalische Begleitung von Marco, durch verschiedenste Gongs, Percussion, und abwechslungsreiche Klavierklänge verlebendigt und bekräftigt. Eine tiefe, berührende Stille und große Ernsthaftigkeit erfüllte den ganzen Saal. Erstaunlich ist doch die Aktualität, welche in den Gedanken von Etty liegt und einem vielleicht auch in der jetzigen Coronakrise zur Inspiration werden kann.

Am Dienstag Nachmittag trat das Jugendseminar auf die Bühne im großen Saal. Sie zeigten uns ihr selbst geschriebenes, aussagekräftiges Theaterstück: Funktionierst du noch, oder lebst du schon?, entstanden unter der Regie von Christoph Daecke, Theaterpädagoge am Jugendseminar. In Anlehnung an zwei dystopische Zukunftsfantasien – Orwell’s 1984 und Huxley’s Brave New World – nahmen die Jugendseminaristen das Publikum mit auf eine spannende, mitreißende Reise. Das Publikum wurde erst von ganz dunklen, diktatorischen, und bedrohlichen Szenenbildern überwältigt, um danach in lustige, übertrieben dekadente Zukunftsszenen mitgerissen zu werden. Durch diese ergreifenden polaren Weltbilder wurde dem Publikum die Frage gestellt: Wie bilden wir die Mitte zwischen diesen zwei polaren Kräften und wie sieht ein menschenwürdiges Morgen aus?

Am Mittwochabend gingen wir alle rüber ins Eurythmeum, um die Aufführung Ich möchte leben des Else-Klink-Ensembles anzuschauen. Diese war dem Thema Kindsein und dem Heranwachsen gewidmet. Wir wurden mitgenommen auf eine wunderbare und farbige Reise in die unterschiedlichsten Seins-Zustände von Kindern. Staunen, Trauer, Schmerz, Spiele, und Fragen, sich Erproben und auch jugendliche Selbst-Werdung klangen während dieser lebendigen Reise an. Die Aufführung wurde eröffnet von einer Komposition des 16-jährigen Gustav Mahler und war durchwoben von Texten des zeitgenössischen Schriftstellers Peter Handke. Der Titel Ich möchte leben stammt aus dem berührenden Gedicht der 17- jährigen Selma Merbaum, deren Text in einer Collage mit Zeilen der modernen Lyrikerin Nelly Sachs dargestellt wurde. Die Eurythmie wurde von einem brechend vollen Saal dankbar empfangen und der Applaus hielt lange Zeit an.

An unserem letzten Abend gab es das berühmte Campus Universum, bei welchem die Bühne in ein künstlerisches Universum verzaubert wurde. Dieser bunte Abend wurde von unserer mutigen Clowns-Gruppe moderiert und war gefüllt mit den verschiedensten künstlerischen Talenten des Campus! Von klassischem Operngesang, Rap zu Themen wie Freiheit oder Eurythmie, Gedichten, über freie Improvisationen, Faschings-Eurythmie, japanischen Stabtänzen bis hin zu Brot-Back-Balanceübungen – dieser farbige Abend wurde getragen von einer unglaublichen Kraft und ganz viel Mut. Von diesem Mut, der von so vielen gefasst wurde, um sich mit ihrem Talent auf der Bühne zu zeigen, war ich tief beeindruckt. Das Wesen des Campus war an diesen Abend sehr spürbar!

Fazit: Durch gemeinsames Streben bildet sich Gemeinschaft

Gegen Ende der Woche war es für mich ganz stark spürbar, dass sich etwas zwischen mir und allen Teilnehmenden gebildet hatte. Plötzlich konnte ich wirklich spüren, dass wir ganz real miteinander verbunden sind. Das gemeinsame Singen jeden Morgen, das gemeinsame Hören von Gedankenbögen während jedem einzelnen Vortrag, das gemeinsame Essen, das gemeinsame Tätig-Sein in den Workshops, das gemeinsame Tanzen, so viele Gespräche und Begegnungen, das gemeinsame Atmen… Durch diese gemeinsam verbrachte Zeit und das gemeinsame Hinwenden an unser Thema hat sich ein Gemeinschaftsgefühl gebildet. Im Laufe der Tagung ist mir immer bewusster geworden, dass ich ein Glied dieser Gemeinschaft von mutigen, strebenden jungen Menschen bin. Uns verbindet alle das Streben, die Welt mit zu verwandeln. Auch sind wir alle auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: wie wollen wir unsere Zukunft gestalten? Wie sieht eine menschenwürdige und „ausbalancierte“ Zukunft aus? Diese gemeinsamen Ideale kommen uns mit ermutigender Kraft aus der Zukunft entgegen und warten darauf, von uns Menschen auf die Erde herunter geholt zu werden. Wenn ich jetzt in unsere heutige Zeitlage, voller polarisierender Weltgeschehnisse, schaue, ist es mir ganz deutlich, dass menschliche Gemeinschaften, wie ich sie im campusA Stuttgart erlebe, für die Zukunft immer wichtiger werden.

Ich freue mich, diese Kraft, die in unserer Gemeinschaft lebt, gemeinsam mit euch in die Welt hinein zu tragen!