Ich und Herr Kretschmann

Was mir unser Ministerpräsident über mich selbst verriet

Ein Beitrag von Hannah Malina Bar-Lev

Als ich diesen Artikel über den Besuch von Herrn Kretschmann bei der bildungsART zu schreiben begann, kamen erst einmal Wut und Rachelust in mir auf. All die vielen Momente der Desillusionierung, die Verwirrung, und die Ohnmacht, die „diese“ Politiker in mir hervorrufen. Doch dann habe ich gemerkt: das ist es nicht, was ich mit euch teilen will, das ist nicht das, was ich in die Welt bringen will. Wenn ich so negativ schreiben würde, wäre ich noch schlimmer als „diese“ Politiker. Eigentlich hatte ich nicht vor dem Besuch des Ministerpräsidenten bei zu wohnen. Meine bereits erwähnte Wut und unerfüllte Sehnsucht hielten mich davon ab. Doch ein kurzer Impuls hielt mich dazu an zwei junge Frauen zu fragen, warum sie denn dem Vortrag beiwohnen würden. Nun, diese gaben mir eine erstaunliche Antwort: „Wir möchten erfahren, was er für ein Mensch ist.“

Diese Worte fuhren so tief in mich, dass ich mich auf der Stelle entschloss zu bleiben und selbst herauszufinden, was Herr Kretschmann für ein Mensch ist. Den ganzen Tag liefen schon Vorbereitungen. Das Orga-Team, die Techniker und der gesamte Lehrkörper des Hügels schienen sich Mühe zu geben, dass wir, die „Anthroposophen“ einen guten Eindruck bei unserem Ehrengast hinterlassen würden.

Nun was habe ich also über diesen Menschen erfahren? Nach einer feierlichen Eröffnung durch das Else-Klink-Ensemble, erhob zum ersten Mal ein Ministerpräsident seine Stimme im großen Saal des Rudolf Steiner Hauses.

Er begann mit den Worten „Ich freue mich hier sein zu dürfen!“ und erzählt im Anschluss, dass er in unseren Gemäuern spüre, an einem Ort der Geistesgeschichte zu sein, das heißt an einem Ort, an dem vor 100 Jahren etwas ganz Neues entstand. Eine neue Art zu lernen und zu lehren, die sich seit dem über die ganze Welt ausgebreitet hat. Nun folgt eine etwa vierzig minütige Rede, die aller Vermutung nach seine Assistenten verfasst haben und die sich mit der 100-jährigen Entwicklung, sowie den Grundpfeilern der Waldorfpädagogik und mit dem anthroposophischen Menschen und Weltbild befasst. In der Rede werden, wie an einem Jubiläumsbesuch üblich, Ehre und Dankbarkeit für den Fleiß und die guten Taten der Menschen zum Ausdruck gebracht, welche diese für die Gesellschaft erbrachten.

Welchen Fleiß und welche guten Taten haben wir denn vollbracht? Oder besser gesagt unsere Vorgänger und besonders ein Mensch, wegen dem wir alle hier versammelt sind, Rudolf Steiner?

In der Rede wurden besonders hervorgehoben, unser Verständnis des Menschen und unser dementsprechender Bildungsbegriff, der in der Umsetzung immer nach einem Gleichgewicht zwischen Herz, Kopf und Hand verlangt. Dies drückt sich aus in den Beziehungen, die in der Waldorfpädagogik in den Mittelpunkt gestellt werden, die Menschen-Begegnung zwischen Schüler und Lehrer und zwischen Lehrern und Eltern, durch die „wahre Menschen-Um-Bildung“ ermöglicht wird. Die Redenschreiber von Herrn Kretschmann bezogen sich da im Besonderen auf die „Erziehungspartnerschaft“zwischen Eltern und Lehrern, die sie für vorbildlich halten, auch im Vergleich mit den staatlichen Schulen. Dieser „Beziehungs-und-Herz-Aspekt“ schien an diesem Abend besondere Wichtigkeit zu haben, denn bereits die erste Frage an Herrn Kretschmann, von einer angehenden Erzieherin, lautete: „Woran erkennt man einen Menschen, der ein guter Lehrer sein könnte, woran erkennt man eine Lehrerpersönlichkeit?“

Auf diese Frage nach der Lehrerpersönlichkeit, ging Herr Kretschmann bereits vor der konkreten Frage ein, in dem er seine Orientierung an Sokrates Mäeutik (Hebammenkunst der Erkenntnis) zu Sprache brachte. So geht es ihm darum, dass der Lehrer eine Fähigkeit hat, dem Lernenden diejenige Frage zu stellen, die ihm hilft, eine Antwort zu finden, sich zu erinnern an etwas, das mit ihm zu tun hat, dass er bereits weiß, denn laut Sokrates weiß die Seele alles, sie muss sich nur erinnern. Die gestellte Frage hätte also auch Sokrates einem Lehrer stellen können. Herr Kretschmanns Antwort auf diese Frage, mit Bezugnahme auf Sokrates, bedeutet aus meinem Verständnis, dass der Ministerpräsident ein Mensch ist, der wirklich hinterfragt und sich mit dem Wesen der Dinge beschäftigt. Auch ist mit dem Anbringen von Sokrates eine Andeutung an ein sehr interessantes Menschenbild verknüpft, eines, in dem es eine Seele gibt, die alles weiß, die also, wie ich es verstehe, mit allem verbunden sein muss. Laut Sokrates und seinem Anhänger Kretschmann, ist Bildung also ein Erinnern durch Begegnung und Gespräch mit Menschen.

Jetzt frage ich mich, wie tief ist dieser Mensch? Wie viele Ideale und Intuitionen stecken in so einem Ministerpräsidenten drin, von denen wir keine Ahnung haben? Schließen wir von seinen Taten auf sein Wesen, könnten wir schnell zu einem furchtbaren Urteil kommen, „Herr Kretschmann ist Grüner und fährt einen Mercedes. Das ist ein Verräter, der dazu beiträgt, dass wir uns nicht mal mehr von den Grünen vertreten lassen wollen!“ So, oder ähnlich habe ich selbst gesprochen und viele Menschen über ihn sprechen hören. Aber kann es sein, dass dieser Mensch solche Widersprüche in sich vereint? Mercedes und Grüner? Sokratischer Bildungsbegriff und Zentralabitur / Bullimielernen / Schulpflichtbefürworter? In wie weit kann es sich ein Politiker wie Kretschmann leisten ehrlich zu sein, sich als Mensch zu zeigen? In wie vielen Zwängen und in wie viel Überwachung ist er verstrickt als Person des öffentlichen Lebens?

Die Vorträge und Talkshows zeigen, dass die meisten Politiker nicht die Möglichkeit sehen, sich als die Menschen zu zeigen, die sie ganz im Innern, oder vielleicht mit ihren Nächsten sind, nicht als die Menschen, die Visionen und Sehnsüchte haben. Und Menschen wie ich, die diese Seite des Menschen überall suchen und die es kaum ertragen können ständig mit Menschen umgeben zu sein, die nur eine Maske nach außen zeigen? Diese Menschen gehen dann nicht zum Vortrag. Kehren sich von der Politik ab, resignieren, da sie sich nicht verbunden fühlen, nicht als Menschen angesprochen fühlen von den Führern des Landes. Das ist so schade, denn vermutlich haben wir ähnliche Bedürfnisse. Der Politiker geht selten in die Politik um absichtlich für die Spaltung von Individuum und Gesellschaft zu sorgen. Der Bürger bleibt selten zuhause, weil er für die eigene politische Verdrossenheit stimmt.

Das Nachspüren meiner Empfindungen hat mir geholfen wieder ein bisschen Verbindung von mir zu „diesen“ Politikern herzustellen. Ich kann nun ein wenig empathischer auf die Politik schauen und sehen, dass die Politik ein Ort ist, an dem Widersprüche leben und daher keine ganz so einfache, angenehme Angelegenheit ist. Vielleicht ist es auch ein bisschen die Aufgabe von jedem Einzelnen von uns, von sich aus einen Schritt auf „diese“ Politiker zu zugehen, statt zu warten, mit der eigenen „Wunsch-Politik“ vor der Haustüre, oder vom Hügel abgeholt zu werden. Was wäre deine Wunsch-Politik und was kannst du dafür tun, dass sie verwirklicht wird?

Hannah Malina Bar-Lev, Auszubildende im 1. Jahr der Praxisintegrierten Waldorferzieher-Ausbildung. Nach dem Abitur an der Waldorfschule, Mitbegründerin der NGO „Demokratische Stimme der Jugend“.