"Kunst braucht immer einen Sinn. Wenn sie zur Routine wird, ist sie leer."

Aus aktuellem Anlass haben wir unseren campusA-Initiativkreis zur gegenwärtigen Lage in den verschiedenen Bildungseinrichtungen am campusA, drei Fragen gestellt. In diesem Beitrag befragte Andreas Kehl (Koordinationsbüro) Milan Tannert, seit 2016 als Dozent in der Eurythmieausbildung am Eurythmeum Stuttgart tätig.

Andreas Kehl: Wie beeinflusst die aktuelle Situation die Entwicklungen in Ihrer Einrichtung?

Milan Tannert: Wie in allen Kultur- und Bildungseinrichtung hinterlässt die aktuelle Situation auch am Eurythmeum einen deutlichen Einschnitt. Der Bühnenbetrieb ist bis auf weiteres eingestellt, Aufführungen für die nächsten Monate abgesagt. Der Studienbetrieb im Hause war in den letzten Wochen ausgesetzt und wir waren gezwungen kreativ zu werden und neue Möglichkeiten des Studierens zu schaffen. Das Selbststudium und eigenverantwortliche Arbeiten stand hier an erster Stelle. Alle Studierende bekamen dafür diverse Aufgabenstellungen und Lernhilfen für das Beschäftigen mit der Eurythmie zuhause. Uns war dabei Bewusst, dass je nach Wohnsituation die Bewegungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt sein können. Parallel haben wir für jeden Kurs Möglichkeiten des Onlineunterrichts- und Austauschs geschaffen. Das ging über virtuellen Unterricht im Schriftverkehr bis hin zu Videokonferenzen. Für uns als Eurythmieausbildung bedeutete dies aber auch, den Fokus neu zu legen. Während Studierende im praktischen Üben weites gehend auf sich gestellt waren, konnte sich der Online-Unterricht ausschließlich auf inhaltliche Auseinandersetzungen beschränken. Uns als Eurythmisten und Studierende fehlt natürlich aber ganz deutlich auch die gemeinsame Bewegung im Raum mit anderen Menschen. Eurythmie ist ja eine Kunst, die vor allem im Dazwischen entsteht. Erfreulicherweise konnte nach den Osterferien der Abschlusskurs mit Einzelbetreuungen im Hause beginnen. In der Woche darauf konnten die anderen Kurse nachziehen. Alles natürlich unter Einhaltung strengen Hygienemaßnahmen und aller gesetzlichen Vorschriften. Nach dieser Zeit war es sehr berührend sehen zu können, welche individuellen Fortschritte manch einer während dieser Zeit des eigenverantwortlichen Lernens erzielen konnte.

A.K.: Welche Chancen oder Gefahren sehen Sie in dieser Entwicklung?

M.T.: Wir befinden uns derzeit in einer Weltlage, in der die Grundrechte der Bürger massiv eingeschränkt sind. Zudem herrscht eine allgemeine Stimmung der Angst und Panik. Das birgt Gefahren auf verschiedenen Ebenen. Auf die gesellschaftlichen Folgen möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Der kulturelle Bereich wird in solchen Krisen immer zuerst beschnitten da er oft als nicht lebensnotwendig gesehen wird oder eben nicht zur „kritischen Infrastruktur“ gehört. Meine Hoffnung ist, dass es nach dieser Zeit einige Herzen mehr gibt in denen die Sehnsucht nach Kunst und Spiritualität geweckt wurde, die merken, dass es ohne Kunst auch nicht geht. Ich wünsche mir viele offene Herzen, die auf die Eurythmie zugehen. In Zeiten des Entzuges merkt man, dass nichts selbstverständlich ist. Man wird aus der Routine geworfen. Dankbarkeit für das was man hat kann entstehen – Demut. Dies merkte ich auch in den ersten Solo-Korrekturen bei den Studenten. Die Dankbarkeit, dass da jemand bei ihnen ist, der ihnen zusieht, der sie ernst nimmt und versucht ihnen zu helfen. Das waren schöne Momente.

A.K.: Was kann das für die Zukunft bedeuten – Prävention, notwendige Entwicklungsschritte – vielleicht auch über die Einrichtung hinaus?

M.T.: Kunst braucht immer einen Sinn. Wenn sie zur Routine wird ist sie leer. In schweren Zeiten findet der Künstler seine Inspiration. In guten Zeiten wird er schnell satt. Das ist nicht schön, aber leider oft so. Das Gefühl, dass es existenziell ist was man macht ist wichtig. Wenn dies als Bewusstsein in jedem Eurythmiestudenten wachsen kann, dann hat die Krise schon was gebracht. Auch die Einsicht, dass es auf jeden Einzelnen selber ankommt etwas zu gestalten. In der Gruppe schwimmt man schnell mit dem Strom. Mir wurde in der Fernbetreuung der Studenten klar, dass wir noch viel mehr darin unternehmen können das selbstständige Lernen und Arbeiten zu fördern – das Eigenverantwortlich sein. Die Künstlerpersönlichkeit herausschälen. Das macht Mut für die Zukunft.

Milan Tannert, Geboren 1987 in Mayschoß/Rheinland, Abitur an der Freien Waldorfschule Neuwied
2008–2012 Eurythmie- und Bühnen¬ausbildung am Eurythmeum Stuttgart
2012–2013 Master in Eurythmiepädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart
Seit 2016 als Dozent in der Eurythmieausbildung tätig