Making of bildungsART 19 - Bildung als Berührung des Selbst

Beitrag von Ingold Lindel,

Eurythmie-Student und Mitglied des bildungsART-Kernteams

 

Umbildung der Zukunft“? Ein Paradoxer Tagungstitel für ein vielfältiges Thema. Kann die Zukunft umgebildet werden? Wenn ja auf welchem Wege? Sicherlich nur über die Gegenwart. Doch wie geht das? Wo setzt das an? Mit was haben wir es bei „Bildung“ zu tun? Von was sprechen wir, wenn wir empfinden, dass wir die Möglichkeit haben uns zu entwickeln und zu erweitern?

Derlei Fragen und vieles mehr beschäftigte uns, als wir in einem ersten Vorbereitungsforum im Sommer zusammenkamen, um uns dem Thema “Bildung“ für die diesjährigen bildungsART zu nähern. Schnell wurde deutlich, wie groß der Begriff gefasst werden muss, um alles zu berücksichtigen, was uns in den letzten Monaten in der Auseinandersetzung und Vorbereitung begegnete. Im Folgenden ein Versuch, diesen Prozess zu schildern und die Lesenden so auf die campusA Tagung vorzubereiten.

Bildung kommt von Bildnis

Das Wort Bildung kommt vom althochdeutschen Wort bildunga, das soviel wie Bildnis, Gestalt oder Schöpfung bedeutet. In einer ersten Annäherung nahmen wir uns Zeit, einmal ganz persönlich in uns zu gehen und dem eigenen Verständnis von Bildung nachzuspüren. Als wir uns über die Resultate austauschten zeichnete sich eine erste grobe Richtung von zwei Bereichen ab, in denen wir allgemein Bildung verorten. Der erste ist jener der institutionalisierten und organisierten Versuche, Menschen innerhalb von Einrichtungen mit Inhalten in Beziehung zu setzen, die sie in einer bestimmten Art und Weise mit Fähigkeiten und Fertigkeiten versehen sollen: In einer groben Definition die Schulbildung. Dann wurde aber jedem schnell deutlich, dass es da einen Bereich gibt, der viel, viel mehr umfasst, als nur die Inhalte, welche in der sogenannten Schulbildung berücksichtigt werden. Welche Rolle spielt denn meine Familie bei meiner “Bildung“? Welche Rolle meine Freunde? Innerhalb dieses Bereiches hatten wir den Eindruck, dem auf der Spur zu sein, was sich vielleicht in tieferen Schichten hinter einem Wort wie Bildnis, Gestalt oder Schöpfung verbirgt: Bildung als allgemeiner Prozess verstanden, der etwas aus mir macht, was ich vorher nicht gewesen bin. Bildung als ständiger Begleitprozess im Leben.

Bildung endet nicht, wenn die Schulglocke läutet

Dieser Satz fiel im zweiten Vorbereitungsforum vor den Sommerferien und bringt sehr schön zum Ausdruck, dass Bildung eben mehr ist, als “verordneter“ Unterrichtsinhalt. Doch wo findet diese Art von Bildung statt? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, beschäftigten wir uns ein Treffen lang mit dem Begriff der Bildungsbiographie. Wir stellten uns selbst die Frage: Wann in meinem Leben gab es Bildungsmomente, die mir in Erinnerung geblieben sind und aus denen ich als Mensch bis heute schöpfe? Im Austausch wurden sehr viele verschiedene Situationen erzählt, die sich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen ergeben hatten. Eines hatten jedoch alle Beiträge gemeinsam: Kein einziger fand direkt im Zusammenhang mit dem Inhalt des Schulunterrichts statt. Jeder Teilnehmer sagte zwar, dass es natürlich Unterrichtsinhalte gegeben hatte, die prägend und erhebend gewesen waren, neben vielen, die das nicht geboten hatten, dass aber das, was als prägendster Bildungsmoment in der Erinnerung aufblitzte, etwas anderes war. Aber was?

In einer genaueren Beleuchtung kristallisierte sich heraus, dass den Bildungsmomenten mit Aha-Effekt allen ein gemeinsames Merkmal zugrunde lag. Nämlich, dass es Situationen waren, in denen wir durch einen äußeren Einfluss angeregt für einen Moment uns selbst empfunden haben, sei es durch eine negative oder positive Anregung, und aus dieser Selbstempfindung heraus eine, ich möchte sagen, ureigenste Antwort, nicht als Reaktion, sondern als eigene innere aktive Entscheidung oder als Entschluss hervorgebracht haben. Es sei kurz ein Beispiel erwähnt: Eine Lehrerin sagte zu einer Teilnehmerin des Vorbereitungsforums im Grundschulalter, sie sei für das Gymnasium zu schlecht. Die ureigenste Antwort der Grundschülerin war: Die Lehrer helfen mir nicht in der Schule, also muss ich das selbst machen. Heute ist diese Grundschülerin von damals selbst Lehrerin.

Bildung als Berührung des Selbst

Wenn nachhaltige Bildungsmomente, die die Persönlichkeit eines Menschen in einem authentischem Sinne prägen, immer mit der Berührung des Selbst zu tun haben, so schlussfolgerten wir, dann ist das ganze Leben eine einzige Bildungsreise, denn die Möglichkeit, im eigenen Selbst berührt zu werden ist ja potenziell überall und ständig vorhanden. Aber was bedeutet es für die anfangs erwähnte institutionalisierte Bildung? Nun folgte im Vorbereitungsprozess ein Blick in die Literatur und siehe da, alle sogenannten Bildungsexperten kamen zu ähnlichen Ergebnissen wie wir im Vorbereitungskreis. Doch eines wurde von den Experten deutlich gemacht:

„Resonanzbeziehungen haben immer das Moment des Unverfügbaren, man kann sie nicht verordnen, künstlich erzeugen, politisch auf den Weg bringen, das funktioniert nicht…Schule muss zu einem Raum werden, der Schüler zum Sprechen bringt, das ist das Geheimnis von Bildung: die Dinge und Menschen werden zum Sprechen gebracht, das ermöglicht dann Resonanzerfahrung.“[1]

So beschreibt es der Soziologe Hartmut Rosa. Für uns und die Vorbereitung der Tagung wurde klar: Selbstberührung ist ein Bildungsbedürfnis der Gegenwart, doch wie kann eine zukünftige Bildung aussehen, die diesem Bedürfnis Rechnung tragen kann?

Was ist der Mensch? Was ist die gegenwärtige Zeit?

Als Orientierung für die Konzeption der Tagung haben wir uns diese beiden Fragen ein bisschen zur Richtschnur genommen. So wollen wir bei der bildungsART dieses Jahr in einer Komposition vom Allgemeinen hin zum persönlich-konkreten vorgehen und versuchen herauszufinden, was es gegenwärtig bedarf, um die Zukunft der Bildung und damit der ganzen Gesellschaft umzubilden.

Die Vorträge sind so konzipiert, dass sie immer dazu beitragen, alle Teilnehmenden der Tagung auf einer gemeinsamen Grundlage durch die Woche zu führen. Das Workshopangebot am Nachmittag ist dann dazu gedacht, selbst auf verschiedenen Wegen ganz konkrete Bildungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können und den eigenen Bildungsfundus um neue Eindrücke und Erlebnisse zu erweitern.

Darüber hinaus steht die bildungsART dieses Jahr stark unter dem Stern der Begegnung mit Waldorf- und anthroposophieferneren Referenten. So haben wir für einen Vortrag und ein anschließendes Podium den Bundestagsabgeordneten Thomas Sattelberger eingeladen, sowie Winfried Kretschmann, den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, zu Gast.

Nun starten wir mit Vorfreude in die letzten Vorbereitungen und freuen uns, den campsuA und verschiedenste Gäste von Außerhalb Ende Februar im Rudolf Steiner Haus begrüßen zu dürfen.

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[1] SWR2 Impuls. Ralf Caspary im Gespräch mit Harmut Rosa. Online: R. Caspary & R. Kölbel

Stand: 2.6.2016, 15.25 Uhr, Link zum Beitrag >