Poetry Slam

Ein Poetry Slam von Junia Siebert.

du nährst dich an dem, was andere tun
und kannst damit nicht einmal ruhn.
du trägst es herum wie eine last,
die du von tag zu tag weiter hast.
doch deine angst, die merkst du kaum,
denn jeder hat sie hier im raum.
auch mal an dieser stelle zu stehn
und mit erschrecken zuzusehn,
wie sie sich alle das maul zerreißen,
nur darauf warten zuzubeißen.
sie brauchen jemanden, den sie jagen,
dem sie mit worten in die fresse schlagen.
doch dies geschieht nur im stillen,
denn jeder hat hier seinen willen.
der eine will nicht als schläger durchgehn,
die nächste nicht als schlampe gesehn,
der andere schließt sich der Gruppe an,
weil er selber nichts sagen kann.
doch irgendwann wird er aus versehen
auch mal an diese stelle stehen.
warum sollte er sich jetzt darüber bekümmern,
das würde die situation doch verschlimmern.
nicht ohne grund ist es so angespannt,
denn alle hoffen ganz gebannt,
nicht an dieser stelle zu stehn
und den freunden in die augen zu sehn.
denn wenn man nur einmal was falsches sagt,
oder über jemanden von ihnen klagt,
wird man nicht mehr zu ihnen gehören,
auch wenn sie einem ewige freundschaft schwören.
wie ihr eure worte unterschätzt,
und andere damit unnötig verletzt,
dass fällt euch bestimmt nicht gleich auf
und dennoch nehmt ihr es später in kauf.
ist es was anderes, wenn ich dann und wann
das hör, was man alles schlechtes über mich sagen kann?
glaubt mir, es trifft wie ein faustschlag so hart
und ich wünsche mir, dass ihr euch das einfach spart.
wer von euch würde jetzt aufrichtig sagen:
»ich, ich habe dazu beigetragen«?
was habt ihr von dem ganzen mist,
was ihr labert, was ihr denkt, was du frisst?
wollt ihr, dass man euch auch anhört,
dass man euch ewige freundschaft schwört?
doch wie kann freundschaft aus hass entstehn,
wie soll das in zukunft weitergehn?
wenn wir immer jemanden brauchen,
den wir mit freunden zusammenstauchen,
nur, um am ende nicht allein dazustehen,
müssen wir diesen weg wirklich gehen?
sehnt ihr euch nicht auch alle nach dem einen,
wenn ihr zu hause liegt beim weinen,
als mal wieder der schlag so hart traf?
dass jetzt keiner, wirklich keiner was sagen darf,
weil ihr sonst die fassung verliert
und nur noch nach friede und liebe giert.
was euch fehlt, das sagt ihr nicht.
eure antworten bleiben karg und schlicht.
irgendwas muss doch in euch beben,
sonst würdet ihr nicht so über andere reden.
ist es neid, eifersucht oder hass?
oder habt ihr dabei einfach spaß?
Jeder mensch darf bedürfnisse haben,
ihr müsst sie einfach nur mal sagen.
was euch bekümmert, was euch bedrückt,
ich versichere euch, nichts ist verrückt.
wenn wir wissen, nach was wir uns sehnen,
können alle darauf rücksicht nehmen.
ohne bedürfnisse zu verlieren,
können wir sachen ausprobieren.
solange wir nicht anderen damit schaden
und uns danach in unschuld baden.
können wir diese punkte verstehn
und positiv in die zukunft sehn?

Es ist mittlerweile schon sechs Jahre her, dass dieser Text entstanden ist. Ich war sechzehn Jahre alt und besuchte die 11. Klasse unserer örtlichen Waldorfschule, als ich eines Nachts erwachte und diese Zeilen herunterschrieb.

Eine Zeit, die lebendiger doch eigentlich nicht sein konnte. Alt genug, um eigene Entscheidungen über sein Leben zu treffen, noch kein Stress mit Abschlussprüfungen, viel Zeit für Hobbys und Freunde. Die Abende am See verbringend und am Wochenende die ersten Besuche in den Diskotheken der nahegelegenen Kleinstädte. Schöner könnte diese Zeit doch eigentlich nicht sein – wenn man nicht immer wieder Zeuge, Opfer oder Mittäter von Ausgrenzung werden würde.

Ausgrenzung, die oft im Stillen stattfindet und mit einem Lächeln einhergeht; dabei meist nicht greifbar und nachvollziehbar für die Menschen drumherum. Jeder von uns hat das bestimmt schon mal erlebt: auf der Seite des Ausgegrenzten, oder als einer Gruppe zugehörend, wenn auch nicht immer bewusst, die andere ausgrenzt. Immer wieder begegnete mir diese Thematik, bis heute. Doch was macht es mit uns, was macht es mit unserer Gesellschaft und den Menschen, mit denen wir zusammen leben, lernen und arbeiten? Ja, schon die Kleinsten unter uns sind dem ausgesetzt, diesem Gefühl des Alleinseins, des nicht Dazugehörens. Wie so viele von uns, bin auch ich Zeuge von Ausgrenzung und Hass geworden, habe das Alleinsein gespürt, in einer Zeit, in der das Leben eigentlich so lebendig ist, habe mich zu einer Gruppe gestellt, die andere ausgrenzte. Wie einfach ist es, nichts zu sagen, wenn Ungerechtigkeit und Ausgrenzung offensichtlich spürbar sind, um selbst nicht ins Gefecht der Meinungen zu geraten. Wie schnell ist ein Satz gesagt, eine Bewegung oder Haltung der Abwertung gemacht, ja nur ein Blick, der all das in sich tragen kann. Doch wie lange geht das gut? Wie kann eine Verbindung zwischen Menschen entstehen und halten, die immer wieder durch Ausgrenzung anderer definiert wird?

Wie können wir ein Zusammenleben gestalten, in dem Abwertung und Ausgrenzung keinen Platz mehr hat und eine Gesellschaft entsteht, in der wir Bedürfnisse äußern können, ohne dabei ins Abseits zu geraten. Eine Gesellschaft, in der wir Gedanken äußern und die Meinungsverschiedenheiten als Chance sehen können, Neues und anderes kennenzulernen und in einen Austausch zu kommen, ohne Hass und Abwertung. Wie können wir Mut fassen und uns immer wieder dazu motivieren, füreinander einzustehen und aufzustehen, wenn Ungerechtigkeit sichtbar wird, und denen beistehen und helfen, die gerade nicht stark genug sind, sich selbst zu schützen? Wie schön es doch sein kann, das zu sagen, was man denkt. Mit den Menschen befreundet zu sein, für die man sich wirklich interessiert, das zu lernen, was für einen selbst einen Sinn ergibt, und für das einzustehen, was einem wichtig ist, und auch zu den Menschen zu stehen, die einem gegenüberstehen. Können wir nicht auch von ihnen so viel lernen und so vieles erfahren, was uns entgehen würde, wenn wir nur den Idealen und Sichtweisen einer Gruppe hinterherlaufen, um nicht allein zu sein? Wir entfernen uns von uns selbst und den Menschen um uns herum, indem wir nicht mehr wir selbst sein können. Doch wie lang ist der Weg und wieviel Überwindung kostet es, an den Punkt zu kommen, an dem man immer mehr Freiheit gewinnt und für andere und für sich selbst einsteht, auch wenn es erst einmal unbequem ist.

Wir werden Menschen begegnen, die auch auf der Suche nach echten Begegnungen sind, die ähnliche Ziele und die gleichen Werte haben. Wie schön ist es dann, auch spüren zu dürfen, doch nicht allein zu sein. Es gibt Menschen, welche die Gedanken, Wünsche und Hoffnungen mittragen, die man selbst auch verspürt. Wie können wir in Zukunft Kindern und Jugendlichen Stärke und Zuversicht mit auf den Weg geben, die es ihnen ermöglichen, sich immer wieder frei zu machen von Gruppen und gesellschaftlichem Zwang – um Neues zu schaffen und füreinander einzustehen?


Junia Siebert studiert am Eurythmeum im 2. Studienjahr Eurythmie.