Um die Mitte ringen – Durch gemeinsames Streben bildet sich Gemeinschaft

Ein Bericht von Lisa van Holsteijn.

Zum siebten Mal wurde von Studierenden des campusA Stuttgart vom 1. März bis zum 6. März 2020 die ›bildungsART‹ vorbereitet und gestaltet, in der sich alle anthroposophischen Ausbildungen in Stuttgart, zusammen mit interessierten »Externen«, gemeinsam einem Thema vertiefend widmen. Dieses Jahr hatte die ›bildungsART20‹ das Thema ›Balance – um die Mitte ringen‹.

»In einer Zeit, in welcher wir ständig um unsere Mitte, um unsere Gesundheit ringen müssen, ist es essentiell, dass wir anders denken lernen.« – David Martin: ›Wie kann ich gesund krank sein?‹
Am Sonntagabend wurde die ›bildungsART‹ unter musikalischer Einstimmung mit dem ersten Vortrag eröffnet. Unser Redner Dr. David Martin ist Facharzt an der Filderklinik in Stuttgart und Inhaber des Lehrstuhls für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Uni Witten-Herdecke sowie Gewinner vieler medizinischer Forschungspreise. Trotz dieses reichen wissenschaftlichen Hintergrunds glich sein Vortrag mehr einer künstlerischen Improvisation, in die er all sein umfangreiches Wissen verwandelte und uns als Zuhörern einen lebendigen Zugang zu dem tieferen Sinn vieler Krankheiten ermöglichte. Das Publikum durfte David Martin die verschiedensten Krankheitsbilder zurufen. Diese gingen von Corona über Depressionen bis zur Organspende und Burnout. Kunstvoll wurden diese und weitere Themen eingewoben in eine Art »Krankheitskaleidoskop«. Mitten auf dieser Reise hat David Martin den Saal mit seiner berührenden Aufführung von Bothmer- und Eurythmie-Übungen begeistert. Dadurch hat er gezeigt, wie er selbst die Kunst des »Gesundkrankseins« übt. Ich habe durch seinen Vortrag den Sinn des »Ringens um die Mitte« sehen gelernt. Denn wenn uns dies gelingt, dann lernen wir Gesundkranksein. Um mit den Worten von David Martin zu schließen:
»Gesundkranksein ist eine Kunst, die gelernt werden will.«
»Wir brauchen ein erneuertes Menschenbild, der Mensch ist kein physikalisch, chemisch, optimierbares Wesen, sondern ein Wesen, das seine Einschränkungen annehmen lernen soll, damit wir lernen durch unsere Einschränkungen zu wachsen.« – Peter Selg: ›Die Gesundung der Heilkunst – warum die Medizin der Anthroposophie bedarf‹
Am Dienstagmorgen nahm der anthroposophische Arzt und Buchautor Dr. Peter Selg uns auf eine weitere Reise mit. Er weitete unsere Blicke, sodass wir auf einer weltlichen und gesellschaftlichen Ebene sehen konnten, warum die Anthroposophische Medizin in die Welt gekommen ist. Durch Beispiele von Ritalin und Konzeptionsmitteln hat er geschildert, wie die Medizin die starke Sehnsucht hat, den Menschen in seiner Unvollkommenheit zu optimieren. Hierbei wurde deutlich, dass wir als Menschen von der Medizin manchmal eine Unterstützung brauchen, »aber diese soll uns befähigen, nicht zerfallen lassen«, betonte Dr. Selg. Weiter sprach er von Rudolf Steiners Entwicklungsgedanken: »Wir brauchen ein erneuertes Menschenbild, der Mensch ist kein physikalisch, chemisch, optimierbares Wesen, sondern ein Wesen, das seine Einschränkungen annehmen lernen soll, damit wir lernen durch unsere Einschränkungen zu wachsen.« Krankheit hat einen Sinn. Durch diesen Vortrag habe ich das große Potenzial der Anthroposophischen Medizin noch einmal verdeutlicht bekommen. Sie befähigt den Menschen, eigenständig seine Balance immer wieder neu zu finden.
»Wenn Technik dient, können wir in der gewonnenen Freizeit schöpferisch arbeiten, aber wenn die Technik herrscht, werden wir Sklaven.« – Michaela Glöckler: ›Verpixeltes Ich – Gesund balancieren im digitalen Zeitalter‹

Nach einem schönen Tag mit ganz lebendigen, kreativen Seminarbeiträgen des Pflegebildungszentrums und des Jugendseminars gingen wir hinunter in die Stuttgarter Innenstadt zum Hospitalhof. Der Hospitalhof ist ein evangelisches Tagungszentrum, mit dem schon seit ein paar Jahren eine fruchtbare und thematisch anregende Kooperation besteht. Dort erwartete uns in einem gut gefüllten Saal die anthroposophische Kinderärztin und Mitbegründerin der ›Alliance for Childhood‹ sowie inspirierende Powerfrau Dr. Michaela Glöckler. Sie holte uns wieder zurück in die heutige Zeit und kam von einem gesellschaftlichen Blickwinkel, den Peter Selg mehr eingenommen hatte, zu dem individuellen Standpunkt jedes Einzelnen. Michaela Glöckler zeigte uns, wie das heutige Überangebot an digitalen Sinnesreizen auf unser »Ich« wirkt – wie die heutige medial-reiche Landschaft die Möglichkeit hat unser Ich zu zerreißen, zu »verpixeln«. Sie sagte: »Wenn Technik dient, können wir in der gewonnenen Freizeit schöpferisch arbeiten, aber wenn die Technik herrscht, werden wir Sklaven.« Ihr großes Herzensanliegen ist, dass die Technik wirklich dienen soll, dafür ist ein gesundes Menschenbild wesentliche Voraussetzung. Erst aus diesem heraus kann ein Verständnis entstehen, in welchem Alter und in welcher Form die Technik sinnvoll genutzt werden sollte.

»Friede kann als Ergebnis eines tiefen Lernprozesses entstehen, indem der Mensch sich seiner Erlebnisse und Fähigkeiten bemächtigt und sie zur Gesundung des Ganzen im Individuellen und im Sozialen zur Verfügung stellt.« – Mariano Kasanetz und Xenia Medvedeva: ›Der gesunde Mensch als Friedensstifter‹
An dieser Stelle sind wir in der Mitte der Tagung angekommen. Am Mittwochmorgen traten die neuen Leiter des Priesterseminars, Mariano Kasanetz und Xenia Medvedeva, auf die Bühne im Rudolf Steiner Haus. Sie nahmen uns – aus dem veräußerlichten digitalen Zeitalter heraus – auf einen inneren Weg zum Menschsein mit. Für das Publikum war es inspirierend zu erleben, wie sich die beiden eine große Holzkugel als Symbol für die Welt stetig überreichten, und so das Gefühl entstehen ließen, ihren Vortrag wirklich gemeinsam zu halten. Sie gingen mit uns abwechselnd durch die Seligpreisungen der Bergpredigt im Matthäus-Evangelium und zeigten uns, wie diese Bilder zu uns heute sprechen können. Gelingt es uns, diese Bilder neu in unserem Inneren aufleben zu lassen, kann »der Mensch sich in das Ganze der Welt sinnvoll einfügen, und als Friedensstifter gesundend wirken«. Mit dieser Botschaft schlossen Mariano und Xenia ihren Tandem-Vortrag. Als Kernaussage der beiden nehme ich die Worte mit: »Friede kann als Ergebnis eines tiefen Lernprozesses entstehen, indem der Mensch sich seiner Erlebnisse und Fähigkeiten bemächtigt und sie zur Gesundung des Ganzen im Individuellen und im Sozialen zur Verfügung stellt.«
»Der Mensch ist mit der Erde in Disbalance geraten und die Meere, Wälder, Böden und Lebewesen können diesen ›Tanz‹ mit der Gesellschaft nicht mehr in der gegenwärtigen Art und Weise ertragen.« – Johannes Kronenberg: ›Die Erde in Disbalance – die Welt als Spiegel des Menschen‹
Am Donnerstag, unserem vorletzten Tag, führte uns Johannes Kronenberg wieder aus der Innenwelt, in die wir am vorherigen Tag eingetaucht waren, hinaus, und begann eine Reise in die großen sozialen Zusammenhänge der Welt. Johannes Kronenberg arbeitet seit 2019 an der Jugendsektion am Goetheanum in Dornach und ist einer der feurigsten und inspirierendsten jungen Menschen, die ich kenne. Er beschäftigt sich mit der Klimafrage und dem Zusammenhang unserer inneren Balance – oder genauer gesagt Disbalance: mit der Klimakrise. Die Verbindung unseres inneren Zustands und der Welt hat er uns durch Schilderungen von Klimaskeptikern, Technologie-Optimisten und dem Anfang des »Anthropozän« deutlich gezeigt. »Der Mensch steht in der Mitte zwischen Erde und Kosmos«, betonte er gegen Ende seines Vortrags. Es ist die Aufgabe der Menschheit, ein inneres Gleichgewicht herzustellen, um der Welt aus der entstandenen Disbalance heraus zu helfen. »Wir brauchen Menschen voll Kraft und Mut, Menschen geläutert in heiliger Glut« – dies sind die ersten zwei Zeilen eines Gedichts, mit dem uns Johannes Kronenberg ermutigte, um unsere eigene Mitte zu ringen.
»Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte.« Aus Rudolf Steiner: ›Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?‹ (GA 10), Dornach 1993, S. 28 – David Martin: ›Um die Mitte Ringen‹
David Martin nahm in unserer Woche die Rolle des »Alpha und Omega« ein. Am letzten Vormittag der ›bildungsART‹ hielt er nochmal einen sehr lebendigen Impulsvortrag, in dem er uns zeigte, wie sehr ihn das große Potenzial, das er auf dem Campus wahrnimmt, berührt und begeistert. Gleichzeitig führte er uns vor Augen, in welcher »Oase« wir leben. Er trat mit der Bitte an uns heran, die Möglichkeiten auch wirklich zu ergreifen, die diese anthroposophische »Oase« uns bietet. Es kommt darauf an, sich all die hohen Menschheitsideale und tiefen geistigen Wahrheiten, die uns während unseres Studiums begegnen, ganz zu eigen zu machen, in die Tat zu kommen. Bei seinen Worten fiel mir sofort das folgende Zitat von Rudolf Steiner ein, das ich an den Schluss meiner Schilderung der Vormittagseinheiten stellen möchte: »Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte.«
»Der Mensch ist aber ein Gott, sobald er Mensch ist.« – Kunstperformance, Studierende der Freien Hochschule
Neben den mehr theoretischen Inhalten, welche die Vormittage füllten, legten wir als ausbalancierendes Element in unserem Rahmenprogramm der ›bildungsART‹ wie immer einen großen Schwerpunkt auf künstlerische und musikalische Beiträge.
Am Montagabend durften wir das beeindruckende Live-Hörspiel von Lena Sutor-Wernich und Marco Bindelli ›Das denkende Herz‹ erleben. Durch komponierte Improvisation, was an sich ein Balance-Akt ist, stellten sie Texte aus Etty Hillesums Tagebuch musikalisch dar. Als junge jüdische Frau während der Zeit des NS-Terrors schrieb Etty Hillesum in ihren letzten Lebensjahren über ihren inneren Weg der Lebensbejahung und über die Verwandlung von Hass in Liebe: »Ich finde das Leben schön und sinnvoll. Jede einzelne Minute.« Bemerkenswerte und berührende Worte wie diese wurden durch den Gesang von Lena Sutor-Wernich und die musikalische Begleitung von Marco Bindelli, durch verschiedenste Gongs, Percussion, und abwechslungsreiche Klavierklänge verlebendigt und bekräftigt. Eine tiefe, berührende Stille und große Ernsthaftigkeit erfüllte den ganzen Saal. Erstaunlich ist doch die Aktualität, die in den Gedanken von Etty liegt und einem vielleicht auch in der jetzigen Corona-Krise zur Inspiration werden kann.
Am Dienstagnachmittag trat das Jugendseminar auf die Bühne im großen Saal. Sie zeigten uns ihr selbst geschriebenes, aussagekräftiges Theaterstück: ›Funktionierst du noch, oder lebst du schon?‹, entstanden unter der Regie von Christoph Daecke, Theaterpädagoge am Jugendseminar. In Anlehnung an zwei dystopische Zukunftsfantasien – George Orwells ›1984‹ und Aldous Huxleys ›Brave New World‹ – nahmen die Jugendseminaristen das Publikum mit auf eine spannende, mitreißende Reise. Das Publikum wurde erst von ganz dunklen, diktatorischen und bedrohlichen Szenenbildern überwältigt, um danach in lustige, übertrieben dekadente Zukunftsszenen mitgerissen zu werden. Durch diese ergreifenden polaren Weltbilder wurde dem Publikum die Frage gestellt: Wie bilden wir die Mitte zwischen diesen zwei polaren Kräften, und wie sieht ein menschenwürdiges Morgen aus?
Am Mittwochabend gingen wir alle ins Eurythmeum, um die Aufführung ›Ich möchte leben‹ des Else-Klink-Ensembles anzuschauen. Diese war dem Thema Kindsein und dem Heranwachsen gewidmet. Wir wurden mitgenommen auf eine wunderbare und farbige Reise in die unterschiedlichsten Seins-Zustände von Kindern. Staunen, Trauer, Schmerz, Spiele, und Fragen, Sich-Erproben und auch jugendliche Selbst-Werdung klangen während dieser lebendigen Reise an. Die Aufführung wurde eröffnet von einer Komposition des 16-jährigen Gustav Mahler und war durchwoben von Texten des zeitgenössischen Schriftstellers Peter Handke. Der Titel ›Ich möchte leben‹ stammt aus dem berührenden Gedicht der 17-jährigen Selma Merbaum, deren Text in einer Collage mit Zeilen der modernen Lyrikerin Nelly Sachs dargestellt wurde. Die Eurythmie wurde von einem brechend vollen Saal dankbar empfangen und der Applaus hielt lange Zeit an.
»Durch gemeinsames Streben bildet sich Gemeinschaft.« – Lisa van Holsteijn
Gegen Ende der Woche war es für mich ganz stark spürbar, dass sich etwas zwischen mir und allen Teilnehmenden gebildet hatte. Plötzlich konnte ich wirklich spüren, dass wir ganz real miteinander verbunden sind. Das gemeinsame Singen jeden Morgen, das gemeinsame Hören von Gedankenbögen während jedes einzelnen Vortrags, das gemeinsame Essen, das gemeinsame Tätig-Sein in den Workshops, das gemeinsame Tanzen, so viele Gespräche und Begegnungen, das gemeinsame Atmen … Durch diese gemeinsam verbrachte Zeit und das gemeinsame Hinwenden an unser Thema hatte sich ein Gemeinschaftsgefühl gebildet. Im Laufe der Tagung ist mir immer bewusster geworden, dass ich ein Glied dieser Gemeinschaft von mutigen, strebenden jungen Menschen bin. Uns verbindet alle das Streben, die Welt mit zu verwandeln. Auch sind wir alle auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wie wollen wir unsere Zukunft gestalten? Wie sieht eine menschenwürdige und »ausbalancierte« Zukunft aus? Diese gemeinsamen Ideale kommen uns mit ermutigender Kraft aus der Zukunft entgegen und warten darauf, von uns Menschen auf die Erde heruntergeholt zu werden. Wenn ich jetzt in unsere heutige Zeitlage, voller polarisierender Weltgeschehnisse, schaue, ist es mir ganz deutlich, dass menschliche Gemeinschaften, wie ich sie im campusA Stuttgart erlebe, für die Zukunft immer wichtiger werden.

Lisa van Holsteijn studiert im 1. Studienjahr am Priesterseminar.