Leistung und Vertrauen –  Vertrauen und Leistung

Ein Bericht von Tamara General.

Der Begriff der »Umweltbildung« entstand in den 1970er Jahren, als der Diskurs über globale Umweltveränderungen und deren Fol­­gen öffentlich in Gang kam. Studien, welche die Schadstoffeinträge in Wasser, Erde und Luft beschrieben, fanden große Resonanz, und es wuchs das Interesse der Bevölkerung, die Entwicklung der begrenzten ökologischen Ressourcen zu beobachten. In diesen Jahren entstand auch die Auffassung, dass die Über­nutzung des Lebensraumes nicht allein durch neue technologische Errun­genschaften zu verhindern sei, sondern viel­­mehr ein Umdenken bezüglich unseres Umgangs mit der Natur erforderlich sei, dass sich also unsere Lebensstile deren Gegebenheiten anpassen müssten. Man versteifte sich zunächst darauf, Verhaltensmuster zu durch­brechen. Durch die Förderung des Umweltbewusstseins sollten in der Bevölkerung Verhaltensänderungen bewirkt und somit ein Beitrag zur Erhaltung der Lebensgrundlage geleistet werden.1 Viele Projekte der Umweltbildung wurden finanziell gefördert, da der Optimismus bezüglich ihrer Wirksamkeit wohl beflügelte.

In den 80er Jahren ermittelten dann erste Stu­dien, dass Umweltwissen und Umweltbe­wusst­­­sein nicht zwangsläufig einen verant­wortungsvolleren Umgang mit der Natur be­wirken. Dies hatte zur Folge, dass vielfach Kritik an einer Umweltbildung mit Schwer­punkt auf die Verhaltensänderung geübt wurde. Außerdem wurde kritisiert, dass ein solcher Ansatz einer Erziehung zur Mündigkeit ent­ge­genstehe. Spätestens jetzt entstand eine Vielzahl alternativer Ansätze und Modelle, die z.B. in Schulen erprobt werden sollten – alle mit unterschiedlichen Zielsetzungen.

1992 setzte die von den Vereinten Nationen in Rio de Janeiro verabschiedete ›Agenda 21‹ Leitlinien zur nachhaltigen Entwicklung für das 21. Jahrhundert fest. Darin wurden vor allem die Leitziele Ökologie, Ökonomie und Nachhaltigkeit verankert. Was allerdings darin fehlt, ist eine klare Auseinandersetzung mit der Atomtechnik oder das Verhältnis zu Großkonzernen, was wiederum zu starker Kritik führte.

Die Umweltbildung sollte jedoch nicht als einzelnes ­Projekt gesehen werden, ­sondern muss ein ganzheitliches Konzept haben.

»Wir stehen an einem kritischen Punkt der Erdgeschichte, an dem die Menschen ihre Zukunft wählen müssen. Da die Welt zunehmend miteinander verflochten ist und zerbrechlich wird, birgt die Zukunft gleichzeitig große Gefahren, wie auch Chancen. Wir müssen uns zusammenfinden, um eine zukunftsfähige Weltgesellschaft zu schaffen, die sich auf Ehrfurcht vor der Natur, die allgemeinen Menschenrechte, wirtschaftliche Gerechtigkeit und einer Kultur des Friedens gründet. Auf dem Weg dorthin ist es unabdingbar, dass wir, die Völker der Erde, Verantwortung füreinander übernehmen, für die größere Gemeinschaft allen Lebens und für die künftigen Generationen.« – (Auszug aus der ›Erd-Charta‹)

Dieses allgemeine Ziel wurde bei einem Treffen der ›Erd-Charta‹-Kommission im Jahre 2006 formuliert – ein Ziel, das für alle Menschen und Institutionen gleichermaßen Bedeutung haben sollte. Jeder Mensch hat darin seine eigene wichtige Rolle, in der er wirken kann. Familien, Gemeinden, Medienunternehmen,  Re­gierungen und Schulen legen den Grund­stein dafür, dass Kindern langfristig ein ver­antwortungsbewusster Umgang mit der Umwelt vorgelebt wird und sie anschließend diesen weitertragen. Dieses Leitbild bezieht sich da­bei nicht länger nur auf Ökologie, Umwelt und Natur, sondern setzt daneben auch auf Kul­­tur, Soziales und Ökonomie als Bildungswege zu einer nachhaltigen Entwicklung.

Es gibt in Deutschland ungefähr 4.600 stationäre Umweltbildungseinrichtungen und dazu etwa 30 Umweltmobile, die durch das Land fahren. Die Vielfalt dieser institutionellen Formen ist kaum überschaubar, denn sie reicht von Waldkindergärten und -schulen, Umweltschulen, Umwelt- und Ökologiestatio­nen und Naturschutzzentren, Schulland- über Waldjugendheimen bis zu Umweltakademien. Zusätzlich arbeitet eine große Zahl freiberuflich tätiger Umwelt­pädagogen.

Aus dieser Entwicklung der Ansätze zur Um­weltbildung (heute auch ökologisches Lernen, sozial-ökologischer Unterricht o.ä. genannt) resultiert deutlich, dass Interdisziplinarität in den Unterrichtsfächern gefragt ist. So werden die jeweiligen Denkmuster und Ansätze miteinander verbunden und können aus verschiedenen Perspektiven wirken. Die ›Erd-Charta‹ stellt diese Verbindung zwischen Wissen und Verhalten(sänderung) her.

Als Lehrer wird uns jeden Tag gespiegelt, dass das Wissen und die Aufforderung, das Ver­halten danach zu richten, allein niemals aus­reichen, um wirklich nachhaltig zu handeln.Die Schülerinnen und Schüler müssen die an sie herangetragene Aufforderung in eigene Wünsche verwandeln, um wirksam werden zu können. Erst daraus kann eine Dauerhaftigkeit entstehen und vor allem die Freude am Tun. Dazu bedarf es aber zunächst des Wissens, also eines Umweltbewusstseins, welches das Entscheidende ist und eine erste Beziehung zum Thema schafft. Diese Beziehung wiederum lässt die Schülerinnen und Schüler überhaupt in sich hineinhorchen: Wie stehe ich dazu? Wie fühle ich mich mit diesem Wissen? Wo berührt es mich und meinen Lebensstil überhaupt? Was kann ich als Beitrag leisten? Automatisch findet durch diese Beziehungsfindung eine Positionierung und Identifikation statt, die eine Verhaltensänderung ermöglichen.

Viele Waldorfschulen haben hierzu schon Lösungsansätze, die im Schulalltag umsetzt werden, wie z.B. die Bienenzucht, das Müll­sammeln in der eigenen Stadt oder im Wald, Kunst im Wald und viele mehr. Die Umweltbildung sollte jedoch nicht als  einzelnes Projekt gesehen werden, sondern muss ein ganzheitliches Konzept haben und in den Profilen der Schulen verankert werden. Hier liegt noch ein langer Weg vor uns!

Diese große Aufgabe mag zunächst einschüchternd wirken, obgleich sich für mich als junge Lehrerin einer 8. Klasse dadurch auch die Chance auftut, mit neuem Mut hoffnungsvoll in die Zukunft zu starten und zu wissen: Das, was ich jetzt an Verständnis in meinen Schülerinnen und Schülern wecke, wird in den nächsten Jahren weiterwachsen.

Tamara General

Ehemalige Studentin der Freien Hochschule Stuttgart und bis 2016 Mitarbeiterin im campusA-Koordinationsbüro. Seit 2016 Klassen- und Kunstlehrerin an der Freien Waldorfschule Vaihingen/Enz

Literaturverzeichnis:

1 Vgl. Gerhard de Haan & Udo Kuckartz: ›Umweltbewusstsein. Denken und Handeln in Umweltkrisen‹, Opladen 1996.