Waldorf 100 - Was bedeutet das für uns als Studenten und wie erleben wir es?

Ein Beitrag von Magdalene Regele.

Bevor ich der Frage nach der Bedeutung der 100-jährigen Waldorfschulbewegung nachgehe, möchte ich einen kurzen Blick auf die Entstehung der Waldorfpädagogik werfen. Anschließend möchte ich reflektieren, welche Bedeutung dieser vor 100 Jahren begonnene Impuls für mich persönlich hat, und welche Studieninhalte mich in dieser Hinsicht bewegen.

Vor ziemlich genau 100 Jahren, am 23. April 1919, wurde Rudolf Steiner von Emil Molt, Inhaber der Zigarettenfabrik ›Waldorf Astoria‹ und Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, um die Gründung einer Schule für die Kinder seiner Arbeiter gebeten – eine Schule, die nach Molts Vorstellungen bewirken sollte, dass auch Kinder aus der Arbeiterklasse eine gute Schulbildung und somit die Chance auf sozialen Aufstieg erhalten sollten. Darüber hinaus strebte er ein Schulwesen an, welches das soziale Empfinden der Schüler stärken sollte. Sein höchstes Ziel war es, durch eine grundlegend neue Pädagogik eine soziale Neugestaltung zu ermöglichen. Die Herausforderung an diese Erziehungskunst, die den Menschen als vielschichtiges und geistiges Wesen auffasst und entsprechend begleitet, ist heute mehr denn je aktuell.

Als wir zu Beginn des Studienjahres damit begannen die ›Allgemeine Menschenkunde‹ zu studieren, welche die Grundlage der Waldorfpädagogik darstellt, hörten wir im einleitenden Seminar von den Ereignissen, die dazu geführt hatten, dass es überhaupt zur Gründung der Waldorfschule gekommen ist. Mit großem Interesse erfuhr ich den geschichtlichen Zusammenhang, der die Gründung zur Folge hatte, aber auch von den Motiven und Idealen, welche Menschen wie Emil Molt und Rudolf Steiner sowie viele andere dazu bewegten, eine solche »Kulturtat«, wie Steiner sie nannte, für die Menschheit zu begehen.

Auch im Musikunterricht hörten wir einen Bericht über Paul Baumann, der für die Gründung der ersten Waldorfschule mit der Aufgabe betraut wurde, neue Lieder zu entwickeln, die dem frischen Geist der Neugründung entsprachen, um nicht auf die gängige, veraltete Musik zurückgreifen zu müssen. Aus der Feder dieses Mannes entstand ein großer Schatz an Liedgut, der auch heute noch dem Impuls der Waldorfpädagogik entspricht – eine Musik, die der Vielfalt des menschlichen Wesens nahekommen will und sein Gefühls- und Willensleben anspricht.

Diese Bestrebungen, nicht nur eine neue Pädagogik zu begründen, sondern viel umfassender zu denken, spricht für die enorme Kraft, die in diesem Impuls steckt, etwas wahrhaft Neues zu greifen und zu gestalten.

Die Waldorfpädagogik bemüht sich darum, den Menschen zu einem freien Wesen zu erziehen.

Dies führte dazu, dass neue Herangehensweisen bis hin zur Musik entwickelt wurden, um nicht ins Gewohnte oder Bekannte zurückzufallen. Das bestärkt mich und meine Mitstudenten heute immer noch, diese besondere Pädagogik zu studieren, um sie später selbst in die Praxis umzusetzen zu können.

Paul Baumann äußerte sich zur Waldorfbewegung, in dem er zum Ausdruck brachte, dass er diese als äußerst notwendig erachtete, um einem charakteristischen Merkmal unseres Zeitalters, dem der Anpassung, zu entfliehen. Die Waldorfpädagogik bemüht sich darum, den Menschen zu einem freien Wesen zu erziehen, das nicht aus Gehorsam heraus handelt, sondern dessen Ziel es ist, dass jedes Individuum selbstständig im Leben steht. Aufgrund dieser Tatsache sah Baumann in dieser Pädagogik ein wichtiges Gegenstück zur Anpassung an die gesellschaftlichen Normen.

Die Musik und das Künstlerische wirken im Besonderen auf die Willensbildung des Menschen. So kann die Musik einen wichtigen Schlüssel darstellen, der dem Menschen einen Teil der Welt neu erschließt. Im Studium von diesen Zusammenhängen zu hören, ist für mich äußerst bedeutsam und erweitert den Begriff der Waldorfpädagogik – und entsprechend auch die Waldorfbewegung – essenziell.

Das staatliche Schulwesen ist heute noch immer geprägt, die Kinder zur Anpassung zu erziehen. Wohingegen die Waldorfpädagogik, welche den Menschen und seine individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, diese Anpassung in Frage gestellt und andere Ansätze für ein Schulsystem gefunden hat. Aus diesem Grund trifft sie nach wie vor die Bedürfnisse, die sich aus der heutigen Zeit ergeben.

Die Idee, die dahintersteckt, den Menschen frei von wirtschaftlichen, politischen oder ähnlichen Interessen zu erziehen ist es, die mich beflügelt, ja, die mir Mut macht, diesen vor 100 Jahren entfachten Funken aufzugreifen, um diesen wiederum nicht nur weiterzutragen, sondern vielmehr eine Sensibilität dafür zu entwickeln, was für unsere Zeit noch gültig ist und, falls erforderlich, weiterzuentwickeln und zu verwandeln.

Die Menschenkunde Rudolf Steiners, hat etwas Universelles und Allgemeingültiges. Die Themen, welche für die heutige Zeit neu betrachtet werden müssen, stellen uns vor große aber wichtige Herausforderungen, um dem Impuls angesichts neuer gesellschaftlicher Wandlungen und den damit verbundenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Denn die Kinder kommen heute mit ganz anderen Fragen und individuellen Voraussetzungen auf die Welt, als noch vor 100 Jahren. Daher sind wir heute an einem Punkt angelangt, wo es die gewohnten Unterrichtsformen zu überprüfen und an mancher Stelle auch neu zu greifen gilt. Hier konnte ich bereits erleben, dass der direkte, vorbehaltlose und freie Blick auf die Kinder einen Schlüssel darstellt. Der Gedanke, nicht stur einem vorgegebenen Lehrplan zu folgen, der die Kinder in eine gewünschte Richtung bringt, die nicht ihren tatsächlichen Bedürfnissen entspricht, sondern vielmehr das zu unterrichten, was die Kinder wahrhaft – und am Stand ihrer Entwicklung bemessen – brauchen, um sie zu einer künftigen Lebenstüchtigkeit hinzuführen. Diese Freiheit ist es, die mich auch heute, im Jahr 2019 davon überzeugt, den Impuls der Waldorfpädagogik als höchst aktuell anzusehen und ihn zu leben.

Solche Menschen wie jene, die aus Eigeninitiative heraus vor 100 Jahren so vieles bewegten, gibt es vielleicht in dieser Ausprägung heute nicht mehr; gleichzeitig erlebe ich ein wachsendes Interesse an der Waldorfpädagogik von Seiten vieler Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen. Meine Kommilitonen kommen aus aller Welt und studieren mit großer Begeisterung Waldorfpädagogik. Das ist für mich ein Zeichen, welchen hohen Wert diese Pädagogik auch für die Zukunft in sich trägt.

Die Vorbereitungen für das große Jubiläumsfest der 100-jährigen Bewegung sind in vollem Gange; ich bin gespannt, was uns im September erwarten wird und blicke diesem Ereignis mit freudiger Erwartung entgegen.

Magdalena Regele

studiert derzeit im Masterstudiengang an der Freien Hochschule in Stuttgart Waldorfpädagogik, mit dem Ziel Klassen- und Englischfachlehrerin.